Rathausneubau in Mellensee – Interview mit dem Bürgermeister

6. September 2010
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Woanders werden auch Rathäuser gebaut. Sicher gibt es   Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Bauvorhabens in Klausdorf und Blankenfelde. Das hat uns interessiert. Falls Sie beim Lesen dieses  Interviews auf die eine oder andere Frage oder Erkenntnis stoßen, einfach festhalten oder greifen Sie in die Tastatur und stellen Ihre Gedanken zur Diskussion. Wir kommen  zu gegebener Zeit auf dieses Thema zurück.

kwb:
Der MAZ-Beitrag vom 29.07.2010 „PLANUNG: Ein reizvolles Ensemble – Künftiges Rathaus in Klausdorf von Supermarkt und Ladenzeile flankiert“ hat uns neugierig gemacht …
Wie fing das alles an?

Frank Broshog:
Sie sehen ja selbst, in was für einem Gebäude wir hier arbeiten. Das sind schlimme Zustände für die Verwaltung. Über Veränderungen denken wir seit 10-15 Jahren nach. Wir haben im Laufe der Zeit alle möglichen Varianten geprüft, Sanierung dieses Objektes, Rekonstruktion jenes Gebäudes – und immer wieder aufs Neue durchgerechnet. Wenn wir dann den Punkt Energieeffizienz dazu genommen haben, kam unterm Strich jedes Mal das Gleiche raus: Ein Neubau ist kostengünstiger.
Am Ende dieses Prozesses fiel dann schlussendlich und erstens die Entscheidung „Neubau“.
Zweitens hat der Ortsteil Klausdorf keine vernünftige Nahversorgung. Es gab aber eine Projektentwicklungsgesellschaft aus Berlin, die eine Industriebrache in Klausdorf entwickeln wollte. Die kam auf uns zu und sagte, wir haben auf dieser Fläche einen Supermarkt und eine Ladenzeile geplant – aber EDEKA geht hier nur rein, wenn ihr als Verwaltung mit eurem Rathausneubau dazu kommt. Wir konnten hier also mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Infrastrukturentwicklung in Klausdorf(Nahversorger), Rathausneubau und Entwicklung dieser Industriebrache.

kwb:
Wieviel Einwohner hat den Ihre Gemeinde und wie sieht die Prognose aus?

Frank Broshog:
Etwas über 6700, diejenigen, die sich damit auskennen prognostizieren einen leichten Rückgang. Ich persönlich gehe eher von einer leichten Aufwärtsentwicklung aus. Wir haben Anfragen aus Blankenfelde im Zusammenhang mit dem Thema Einflugschneise Flughafen und sogar aus Tegel von Flughafenmitarbeitern, die künftig in Schönefeld arbeiten werden.

kwb:
Und wie viel Verwaltungsarbeitsplätze sollen im neuen Rathaus entstehen?

Frank Broshog:
25 wie bisher, auf 832 qm Nutzfläche. Das sind etwa 33 qm pro Mitarbeiter. Wobei dieser Faktor würde sich ja mit zunehmender Mitarbeiteranzahl verringern, trotzdem – neue Stellen sind nicht geplant. Durch eine beabsichtigte gemeinsame Ausschreibung der gesamten Bauleistungen sollen Synergieeffekte genutzt werden um die geplanten Baukosten für den Rathausbau von 1,0 Mio. € zu sichern.

kwb:
Bauherr wird also nicht die Gemeinde sondern die gemeindeeigene Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft am Mellensee (WVM). Diese nimmt einen Kredit für den Bau auf und kann als GmbH ein Darlehen bilanztechnisch ganz anders behandeln als die Gemeinde.
Und die Gemeinde wird sich dann bei der WVM einmieten. Nun sagen Sie doch mal, wie kommen Sie eigentlich auf die Idee, dass dies die optimale Variante ist?

Frank Broshog:
Nun, ich komme auch aus der Baubranche. Und wir haben halt festgelegt, wir wollen einen Zweckbau mit Walmdach, trotzdem schön anzuschauen. Architektenbüros für Kunst am Bau zu bezahlen, das war nie ein Thema für uns. Der Konsensbeschluss Flughafen hat uns viele Jahre Entwicklung gekostet wegen des Planungsstopps – viele wirtschaftliche Ansiedlungen sind im Gegensatz zu Zossen und Baruth an uns vorbeigegangen. Wir müssen hier jeden Euro umdrehen und deshalb ging es uns von Anfang um die effektivste Variante. Ich selbst habe unzählige Stunden im Internet recherchiert z.B. zum Thema öffentlich-private-Partnerschaft.
Die Unternehmen, die da rein gehen haben nun mal eine Gewinnerzielungsabsicht. Und wenn Sie sich die zugänglichen Informationen in Sachen ÖPP-Finanzierung anschauen, das Verhältnis zwischen Befürwortern und Gegnern dieser Finanzierungsvariante ist 50 zu 50.
Fakt ist, wir sind in der glücklichen Situation, eine eigene Wohnungsbaugesellschaft zu haben. Alle Vorteile, die eine ÖPP-Finanzierung also hätte, finden wir in unserer gemeindeeigenen WVM wieder.

Rathaus der Gemeinde Am Mellensee im Ortsteil Sperenberg

kwb:
Also, noch mal für mich: Sie haben keine Arbeitsgruppe „Rathaus“ gebildet, kein Beratungsunternehmen eingeschaltet, keine Wettbewerbskommission ausgewählt, keine Vergütungssätze für die Mitglieder der Wettbewerbskommission beschlossen, keinen Wettbewerb ausgelobt? Und die Bedarfsplanung zum Beispiel – wer hat Ihnen denn die gemacht?

Frank Broshog:
Na, unsere Bauverwaltung.

kwp:
So, und dann war Ihnen irgendwann klar, es wird, es muss über die WVM laufen?

Frank Boshog:
Richtig, wir hätten als Gemeinde auf der einen Seite die Kreditbelastung und auf der anderen Seite die Abschreibungen, also eine Doppelbelastung. Während die WVM die Möglichkeit hat, die Kreditzinsen in Ansatz zu bringen. Dann war also klar, wir reden mit der WVM.
Natürlich müssen die Belastungen gleich verteilt sein. Die WVM übrigens erhält das Grundstück in Erbpacht von uns.
Sicher, für die Entwurfsplanung haben wir einen Architekt eingebunden. Ansonsten, von den Kosten her zieht sich das für die WVM als Nullrechnung durch. Mit den Mieteinnahmen von uns wird die Kreditbelastung durch die WVM bedient. Natürlich haben wir vorher die Auswirkungen auf die Bilanzen von Verwaltung und WVM durch einen Wirtschaftsprüfer beurteilen lassen.
Das ist eben der Vorteil, wenn man mit einer Wohnungsgesellschaft arbeiten kann, die zum einen die eigene ist, zum anderen dem ganzen Vorhaben positiv gegenüber steht und schließlich noch den Vorteil hat, dass im Umfeld dieses Gesamtvorhabens ihr Wohnungsbestand aufgewertet wird.

kwb:
Themenwechsel, die neue Turnhalle in Mellensee kann endlich gebaut werden, berichten die Medien. Wenn denn Förderbescheide übergeben werden, sind es ja in der Regel immer die gleiche Akteure, die sich dann öffentlichkeitswirksam präsentieren. Nun ist ja in diesem Fall etwas sehr interessantes, bemerkenswertes, ja einmaliges Geschehen. Was so vermutlich auch nie wieder passiert. Wer hatte wirklich die Idee? Wer war Ausgangspunkt für diesen Vorgang?

Frank Broshog:
Ganz klar und deutlich, der Landrat Peer Giesicke.

kwb:
Oh, die meisten unser Leser dürften den Landrat bislang eher als Fachexperten für
die Mercedes S-Klasse oder Audi A 8 wahrgenommen haben …

Frank Boshog:
Das hängt möglicherweise mit dem Leseverhalten zusammen, ohne jemanden zu nahe zutreten, aber Ehre wem Ehre gebührt.
Wie auch immer, die Idee mit der Turnhalle in Mellensee ist von ihm. Landrat Giesicke hat sich damals im Kreistag dazu bekannt, jetzt muss Am Mellensee die Turnhalle haben. Sicher, die Konjunkturmittel haben nicht ausgereicht. Und er hat gesagt, wir geben was dazu als Kreis und die anderen Kommunen auch. Übrig geblieben sind dann die bekannten drei – Blankenfelde, Baruth und Ludwigsfelde. Das ist ein einmaliger Vorgang im gesamten Land Brandenburg, dass Kommunen sagen, wir helfen einer Nachbarkommune mit, vom Bund, geschenktem Geld. Übrigens, Bürgermeister Baier aus Blankenfelde hat auch gleich gesagt, da machen wir mit. Ich wäre als Bürgermeister von Am Mellensee nie auf die Idee gekommen, die anderen anzusprechen. Dann aber haben auch wir alles zusammengekratzt, was wir haben.

kwb:
Zum Schluss, wenn Sie sich die Entwicklung der Gemeinde Am Mellensee anschauen – was erfreut sie, was beunruhigt Sie?

Frank Boshog:
Traurig macht mich im Rückblick immer noch der BBI-Konsensbeschluss. Das hat die Entwicklung in unserer Region über Jahre blockiert, bis dann die Standortfrage entschieden war. Leider werden wir nicht als vom BBI betroffene Gemeinde durch die Landesregierung behandelt
Ansonsten sind wir hier jetzt auf einem guten Weg.
Was mich beunruhigt sind rechte Tendenzen, sie plakatieren nachts und es gibt Postwurfsendungen, in denen zum Aufstand aufgerufen wird. Da müssen wir gemeinsam aufpassen und genau hinschauen.

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4 Responses to Rathausneubau in Mellensee – Interview mit dem Bürgermeister

  1. Matthias Stefke
    6. September 2010 at 21:37

    Ein Beispiel das zeigt, wie es gehen kann wenn man guten Willens ist und in der Gemeinde an einem Strang zieht!
    Hier in Blankenfelde ist eben manches anders.
    So haben wir zwar auch eine Bauverwaltung, die wird aber von einem offenbar unfähigen Baudezernenten geleitet, der zugleich noch stellvertretender Bürgermeister ist.
    Warum der Bürgermeister seinen Stellvertreter nicht endlich rauswirft? Na weil der sogar der Meinung ist, er macht einen guten Job und er ist froh und dankbar, dass er ihn hat!
    So haben wir zwar auch eine gemeindeeigene Wohnungsbaugesellschaft (WOBAB)aber der Bürgermeister und der Geschäftsführer scheinen sich nicht mehr grün zu sein, seit der Geschäftsführer der WOBAB es abgelehnt hat, mit der Wohnungsbaugesellschaft für die Gemeinde das Rathaus zu bauen. Und warum hat der Geschäftsführer es abgelehnt? Darüber darf öffentlich nicht gesprochen werden, weil es sich um einen „internen Vorgang“ handelt!
    Aber ohne trifftigen Grund wird er den Bau eines solchen Prestigeobjekts schon nicht einfach abgelehnt haben!
    Blankenfelde-Mahlow baut sich eben ein Rathaus über einen anderen Weg und für alles in allem ca. 14 Millionen Euro (die geschätzten Hoch- und Tiefbaumaßnahmen zusammengerechnet), man gönnt sich ja sonst nichts! Viel gönnen können wird sich Blankenfelde-Mahlow zukünftig auch nicht mehr, wenn nicht noch Geld vom Himmel fällt, die Gemeinde den Lotto-Jackpot knackt oder die WOBAB vielleicht doch noch verkauft wird.
    Für den Fall schnüren der Landkreis und die Gemeinden Am Mellensee, Baruth und die Stadt Ludwigsfelde dann aber vielleicht ein Solidarpaket für den Rathaus-Neubau zugunsten von
    Blankenfelde-Mahlow. Solidarität ist ja schließlich keine Einbahnstraße!
    In dieser Gemeinde stinkt es gewaltig, gut dass es endlich ein Klärwerk gibt.

  2. Thomas Breidbach
    7. September 2010 at 15:43

    In Blankenfelde verbreitet der Bürgermeister – anscheinend in Unkenntnis des aktuellen Haushaltes – immer noch die Finanzierung sei per Haushaltsbeschluss gesichert. Gleichzeitig bringt er immer wieder Private-Public-Partnership (PPP) als Finanzierungsinstrument ins Spiel. Ich weiß nicht welche Vorstellung er von Partnerschaft bei einem Bauvorhaben hat, wenn bereits die Architektur und der Generalplaner ausgewählt wurden. Der mögliche Partner kann dann nur noch für die Finanzierung sorgen (die Bewirtschaftung des Gebäudes soll ja von der Gemeinde gemacht werden) und dann das Objekt an die Gemeinde inkl. Abschreibungen, Kreditzinsen und Gewinn weiter vermieten. Nach den ganzen Beschlüssen zum Rathausneubau ist eine echte PPP nicht mehr möglich, es kann dabei nur um den verzweifelten Versuch gehen das Vorhaben zu retten, koste es die kommenden Generationen was es wolle. Eine ehemals sehr liquide Gemeinde ist nach Haushaltsplan ab 2012 nicht mehr voll zahlungsfähig und versucht über eine kontinuierliche Belastung des Haushalts den Offenbarungseid zu vermeiden. In der Summe wird das sehr viel teuerer als die Zusammenarbeit mit der eigenen Wohnungsbaugesellschaft, die ein vernünftiger Partner für das Vorhaben gewesen wäre. PPP – Unternehmen wurden vor kurzem in Deutschland noch zu den Heuschrecken im verbalen Wirtschaftsjargon gezählt. Ich bin mal gespannt wie die Linken in der Gemeindevertretung auf eine Partnerschaft mit einem Unternehmen reagieren, dass aus dem Geschäft nur garantierte Gewinne ziehen kann und dies natürlich auch zu Lasten der freiwilligen Sozialausgaben der Gemeinde.

  3. Jörg Baier
    10. September 2010 at 10:31

    Ich bin kein Blankenfelder, aber wenn ich lese, dass der Bürgermeister und sein Fize eine blühende Gemeinde mit dem Bau eines Parkhauses und eines Rathauses in den finanziellen Ruin treiben – warum schickt man beide nicht sicherheitshalber, nun ja vorsichtig ausgedrückt, an eine Stelle an der kein größerer Schaden entstehen kann!?

    Geschichtlich gesehen, gab es schon immer Führungskräfte (bzw. solche die sich dafür hielten), die sich vor dem Fall/Zerfall einer Gesellschaft mit großen Bauwerken in den Schatten stellten, um am Ende verbrannte Erde zu hinterlassen. So neu ist das also alles gar nicht.

    Man kann hier wohl sehr gespannt sein, welchen Verlauf die Geschichte dieses Mal nimmt!

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