Oma Otti

19. Oktober 2010
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Oma Otti ist eine Marke. Und was für eine! Otti mag die Männer. Oder ist es eher so, dass die Männer Otti mögen? Kaum hat sie einen Kerl kalt ins Grab gelegt, ziehts schon den nächsten an ihre Kochtöpfe. Otti hat so ihre Neigungen. Und sie hat einen Mund, den sie nicht zum Schweigen verdammt. Kurzum: Sie hat eine Berliner Schnauze. Sie ist eine Berliner Type. Doch keine, wie in und aus Zilles Zeichenbüchern. So wie Ottis Kiez kein Zille-Kiez ist.

Zille-Kiez ist längst kriegsbedingt abgebrannt, als Oma Otti auf dem Berliner Stadtplan erscheint. Der Kiez heißt nicht mehr Wedding oder Berlin-Alexanderplatz. Er heißt nun Berlin-Friedrichshain. Klarer noch eingegrenzt: Boxhagener Platz. Ebenso heißt Torsten Schulz´ Berlin-Roman, nämlich „Boxhagener Platz“.

Als Zille noch lebte, als er aus der Stadt hinaus in sein Stahnsdorfer Grab getragen wurde, waren Berlin-Romane schwer in Mode und Georg Hermann ein Lokalmatador der Literatur. Schulz schreibt ein gutes halbes Jahrhundert später. Da gibt’s zwar noch reichlich Hinterhöfe. Und nicht nur im Prenzlauer Berg, den die Oststadt so gern versteckt hält wie die Weststadt ihren Wedding. Nimmt sich alles nicht viel! Und doch ist es nun mal etwas Anderes, ob man im Osten oder Westen der Stadt lebte, was selbstverständlich im Roman von Schulz nicht ausgeklammert und verschwiegen wird und somit den Unterhaltungswert der Lektüre schürt und feuert.

„Boxhagener Platz“ ist  ein Roman aus der „Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik“, als auf der Bezeichnung noch nicht so penetrant herumgetrommelt wurde. Er erzählt die Herbstgeschichten des Jahres 1968, die Oma Otti und ihrem 14jährigen Enkel Holger in jenen Wochen um die Nase wehen. Wochen, in denen die Einen die Studentenrevolte, die Anderen die Studentenreform beschäftigte.

Aber, das war die große Politik! Torsten Schulz erzählt von der kleinen Politik der kleinen Leute. Die kennt er gut aus der eigenen Anschauung und kann deshalb die ausgezeichnetesten Geschichten ausgezeichnet präsentieren. Nicht als die simplen Alltagsstorys, die sie ursprünglich gewesen sein mögen. Schulz hat Sinn für den Wert, also die Einzigartigkeit der Geschichten, in denen das Allgemeine steckt. Wie immer, weil in der DDR das Private immer  mit dem Politischen verquickt war. Trifft bei ihm Gestern auf Heute, also der verkappte Nazi auf den bekennenden Kommunisten, dann hat der Satiriker Schulz, mit Spaß versteht sich, daraus nicht nur Kulissen für die Szenen gezimmert. Die Szenen sind voller Alltagswitz und –weisheit. Allemal fürs heitere Lachen und fröhliche Lernen. „Boxhagener Platz“ hat den trocken-berlinischen Humor, bei dem kein Auge naß wird. Das ist der Berliner Humor von der besten Sorte. Abgefüllt im Jahrgang 1968 von Torsten Schulz.

Bernd Heimberger

Torsten Schulz: „Boxhagener Platz“ Das Buch zum Film. Ullstein Verl. 2010, 190 Seiten, Kart.- 7,95 Euro
Torsten Schulz: „Boxhagener Platz“ Das Original-Hörspiel zum Film. 2 Audio-CDs – 14,95 Euro

Zu erwerben in der Buchhandlung Blankenfelde oder online bestellen unter www.buchandlung-blankenfelde.de

Buchhandlung Blankenfelde in der Karl-Liebknecht-Str. 36

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