Die Welt ein Wachstuch

6. November 2010
Von

Antworten gibt kein Grab. Was wir von einem Menschen wissen, ist das Wissen der Lebenden. Welches Wissen? Geglaubtes? Eingebildetes? Gehörtes? Wie da sagen, wer und wie Maria  Balnat war? Geboren am 14. November 1910. Gestorben am 24. Januar 1993 in Zossen. Keine zwei Jahrzehnte nach ihrem Ableben sind die Auskünfte eher spärlich und zudem widersprüchlich.

Maria Balnat - 15.11.1964

Nach dem zweiten Weltkrieg war Maria Balnat nicht nur in und für Blankenfelde eine bekannte Musikpädagogin. Darauf können sich alle Erinnernden am ehesten einigen. Das sind im Jahr ihres 100. Geburtstages vor allem ihre Schüler. Hunderte waren es, die in den Jahrzehnten, vor allem von Mahlow bis Zossen, in die Blankenfelder Alpenstraße fuhren. Dort war das „Musikstudio Balnat“, das dem Lebensunterhalt diente und mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdiente. Maria Balnat war Pianistin und Violinistin. Sie war Klavier- und Geigenlehrerin. Sie veranstaltete Konzerte. Wer bemüht, gewissenhaft, ausdauernd bei der Erzieherin lernte, bekam irgendwann die Chance, öffentlich zu spielen. Auch so wurde die Musikpädagogin bekannt. Lange lud sie zu Konzerten in die Aula der Karl-Liebknecht-Schule ein, dann in der Mahlower Tschäpe-Schule, nachdem die Blankenfelder sie vor die Aula-Tür gesetzt hatten. Maria Balnat hoffte immer, das große Talent zu entdecken, um es selbstlos, engagiert zu fördern. Einmal glaubte sie die Schülerin ihres Lebens gefunden zu haben und fühlte sich ge- und enttäuscht. Sie war eine Strikte. Eine zu Strenge?

Wer wußte was von Maria Balnat? Wirklich? Was von ihrer körperlich, geistig, seelisch bedrohten Existenz? Wer hat je begriffen, was die Bedrohung lebenslang bedeutete? Einiges, was zur Biographie im Umlauf ist, sind Gerüchte. Maria Balnat trug ihr Schicksal nicht wie ein Transparent vor sich her.Ihr Überleben verdankte sie dem Maschinenschlosser Franz Balnat (1887-1963). Für sich, seine erste Frau sowie die beiden Söhne, hatte er um 1930 das Blankenfelder Grundstück erworben. Wann kam Maria Balnat nach Blankenfelde? Wann in das Haus in der damaligen Nettelbeckstraße 12! Nichts ist verbürgt! Sie kam als „U-Boot“, wie jüdische Menschen genannt wurden, die im Nazireich untertauchen mußten. Verborgen von einem Mann wie Franz Balnat, den seine kommunistische Weltanschauung so selbstverständlich human handeln ließ. Über das Rentenalter hinaus, war er Hausmeister der Karl-Liebknecht-Schule.

Maria Balnat - März 1975

Die Haltung Franz Balnats ist wohl einzigartig in Blankenfelde gewesen! Wieviel Jahre die Verborgene in den Kellerräumen zubrachte, ist nicht mehr zu ermitteln. Einiges über abendliche, nächtliche Spaziergänge ist bekannt. Und, immer wieder zu hören, die Geschichte vom „Stummen Klavier“, auf dem Maria Balnat „spielte“. Das war ein Wachstuch mit aufgemalter Klaviatur. Welch eine Lebenskunst, mit der Kunst in sich, nicht zu zerbrechen! Kein Dokument bestätigt, wer in der Familie von Maria jüdischer Herkunft war. Jüdischen Glaubens war sie offenkundig nicht. In Süddeutschland zur Welt gekommen, war die Mutter Dienstmädchen und der Vater Metzger. Aufgewachsen bei Pflegeeltern – und durch sie nach Berlin gekommen? – wurde sie als Arzthelferin ausgebildet, die zunächst in einer Zahnarztpraxis, später als Operationsschwester arbeitete.

Nichts, was auf die Musik hindeutete?! Als Autodidaktin und im Abendstudium bei der renommierten Dozentin Ella Stockhausen, bildete die junge Frau ihre ausgeprägten musikalischen Neigungen. Wann, wo Maria Balnat erstmals öffentlich konzertierte? Unbekannt! Älteste Blankenfelder erinnern sich der Auftritte der Pianistin im Jahr 1945. Im April 1946 öffnete sie das „Musikstudio“. Als das 30 Jahre existierte, wußte sie exakt anzugeben, dass sie bis 1976 331 Schüler hatte. Auch das sagt einiges über die Präzision der Pädagogin. Wer zu ihr in den Klavier- oder Violinenunterricht kam, hatte zuerst Disziplin zu lernen. Abstriche gabs keine! Maria Balnat förderte ihre Eleven und forderte sie heraus. 6,30 Mark, sorgfältig abgerechnet, kostete in den Siebzigern die Stunde. So korrekt die Gebührenquittung, so kategorisch das für jeden Schüler angelegte „Übungsbuch“. Eh ein „Großes Lob“ notiert wurde, hatten sich die Überforderten mit folgenden Eintragungen zu plagen: „Du kannst etwas schneller Deine Finger biegen, sonst kommen wir nie aus dem Schlafmützen-Tempo hinaus.“  „Wenn Du nicht beim Üben Zuhause laut – (die Unterstriche) – zählst, geht es in der Schule natürlich nicht.“

Das war die Sprache der Strengen, die Kritik der beharrlichen Kunstförderin. Es war der Ton, der manchem Kind, manchem Jugendlichen allzu dissonant klang. Maria Balnat war eine kompetente, konsequente Vermittlerin. Sie machte es ihren Schülern nicht leicht. Sie war voller Verständnis für ihre Schüler, wenn deren persönliche Situation schwer war. Maria Balnat war eine Lehrende, die die Lehren des Lebens in sich ernstnahm.

Bernd Heimberger

Print Friendly, PDF & Email

Artikel zum Thema

Tags: , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.