Fliehen und finden

28. Dezember 2010
Von


Das Leben hat den Schriftsteller Peter Wawerzinek den Roman “Rabenliebe“ zugemutet. Einen solchen Roman sollte das Leben keinem Menschen zumuten. „Rabenliebe“ ist ein Roman, in dem das Wort Mutterliebe nichts zu suchen hat und nicht zu finden ist. Ein guter Grund, über „Mutterfindung“ zu sprechen, wie der Autor schreibt, wenn Mutterliebe nicht anwesend ist. Wawerzinek hat den Stoff des Romans, wenn der denn ein Roman ist, nicht erfinden müssen. Er hat in sich finden müssen, was mit seiner ständig angestrebten, ständig in Zweifel gesetzten Mutterfindung zu tun hat. Der Schriftsteller hat also auf das geschaut, was ihm während eines halben Jahrhunderts widerfahren ist, indem er, von der Mutter verlassen, fern der Mutter existierte. „Rabenliebe“ ist der Bericht über „diese verdammte Mutterfindung“. Im Moment der nächsten Nähe haben Mutter und Sohn die fernste Ferne erreicht. Wen wunderts? Wann hat das Leben schon ein Happy End parat? Wann Literatur, sofern sie Literatur ist und keine triviale Unterhaltung?

Wie das Leben Wawerzinek einen herben Roman zugemutet hat, so mutet der Schriftsteller den Lesern herbe Literatur zu. Eine, die so gar nicht von der Biographie des Autors zu trennen ist. Das macht die Lektüre für die Leser zur Doppellast. Es ist nicht möglich, der Literatur von Wawerzinek auszuweichen, in der die Geschichte seines Lebens ist. Die Wawerzinek-Geschichte, die er geschrieben hat, ist nicht die eines Heimkindes. Aber auch. Es ist nicht die eines Heimatlosen. Aber auch. Es ist nicht die eines Vaterlandslosen. Aber auch. Wenn immer die Leser fragen, was ist denn Mutterpflicht, werden sie sich auch fragen, was ist Vaterpflicht? Von dieser zweiten Frage lenkt der Autor immer ab. Der Vater wird nahezu anonymisiert in dem Buch „Rabenliebe“. Wenn der Gedanke aufkommt, wie vielfältig die Formen der Kindesmißhandlung sein können, der Vater/Mann werden nicht als Schuldner ausgemacht und gebrandmarkt. Der Autor, der in Heimen, bei Adoptiveltern kein Heim, kein Zuhause findet, bleibt in sich, für sich, wie er sagt, „ein ewiger Flüchtling“. Einer, der mit der bitteren Lebenslektion lebt: „Wirkliche Folter geschieht im Stillen“.

Das Buch ist voll der Sätze, die von den stillen Folterungen erzählen – sofern der Verfasser das Erzählen nicht doch zugunsten des Berichts zurückdrängt. Auch die collageartig eingefügten Zeitungsberichte, Gesetzestexte, Literaturzitate verstärken den Berichtscharakter des Buches. Peter Wawerzinek, der an sich ein fulminanter Erzähler ist, ein gerade clownesker Unterhalter sein kann, hat sich selbst in einen anstrengenden literarischen Clinch genommen, um sein „mutterlossein endlich zu überschauen“. Um schließlich festzuhalten, dass das sein Los lebenslang sein wird, einer ohne Mutter zu bleiben. „Rabenliebe“ ist die Mutterannäherung. Das Buch „Rabenliebe“! Nicht das Leben. Das herauszufinden, mußte die ganze Überschau sein. Die des Autors Entlastung ist? Des Lesers Belastung? Der Schriftsteller wird’s wissen. Die Leser werden es spüren.

Gut – oder besser – leben läßt es sich mit Peter Wawerzineks Motto: „Suchen heißt finden.“ „Rabenliebe“ ist die Arbeit eines Suchenden, der im Finden erfährt, was nicht mehr gesucht werden muß. Eines Suchenden, der erfährt, dass auch das Von-sich-fortlaufen ein Suchen um des Finden willens ist. Vielleicht ist das die Gewißheit des Peter Wawerzinek, dass der Verlassene kein Verlorener ist und schon gar kein Verlierer werden muß. Mit „Rabenliebe“ hat Peter Wawerzinek seinem Leben ein wichtiges Werk hinzugefügt und der deutschen Literatur ein achtbares und beachtliches Stück Literatur.

Peter Wawerzinek:
Rabenliebe. Verlag Galiani: Berlin 2010. 228 Seiten, Geb., 22,95 Euro

Print Friendly, PDF & Email

Artikel zum Thema

Tags: ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.