Freifläche mit Fremdkörper

26. Januar 2011
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Hoffnung kam auf, als eine Gruppe von Gemeindevertretern im Juni und Juli 2004 auch über die Bebauung des „Blankenfelder Zentrums“ nachdachte. Eingeladen hatte zur Beratung die gemeindeeigene Wohnungsbau- und Verwaltungsgesellschaft Blankenfelde (WOBAB). Als Zentrum wurde das Areal zwischen Brandenburger Platz und Bahnhof bezeichnet. Jenes Siedlungsgebiet also, das in den Planungsbüros der GAGFAH nur eine Idee geblieben ist. Bleiben mußte! Bald nach dem Kriegsbeginn, das heißt 1940, wurde der Wohnungsbau im Deutschen Reich eingestellt. Pläne blieben Pläne. Was nicht sagt, dass sich nie wieder etwas bewegte in dem von der GAGFAH als „Blankenfelde F“ deklarierten Siedlungsfeld. Oft genug gerühmt, bauten sich die Blankenfelder 1950 einen schon seit Jahrzehnten gewünschten Bahnhof. Ein vielfach genutztes Gebäude der Deutschen Reichsbahn, öffentliche Toiletten, eine Gaststätte flankierten auf westlicher Seite den Bahnhof, der an sich nur eine Haltestelle war.

Gegenüber der Gast-
stätte, auf der Gegen-
seite der Karl-Marx-Straße, wurde ein Zeitungskiosk aufgestellt. In unmittelbarer Nähe des Kiosk baute der Umsiedler Krüger, ein Mann mit kräftigem ostpreußischem Akzent, ein stabiles kleines Blumengeschäft. Dessen Sorgfalt und Solidität beeindruckte allgemein. Ebenso das an der Ecke zum Mozartweg errich-
tete Geschäft der jungen Handelsorganisation (HO). Wahrlich nicht von der GAGFAH-Architektur inspiriert, machte der Holzbau Eindruck durch den schwungvollen, ellipsenartigen Eingang mit hohem, vorragendem Dach, das vor Regen schützte. Aus der Idee ortsansäßiger Einzelhändler, die Karl-Marx-Straße zwischen Platz und Bahnhof zur Geschäftsstraße zu machen, wurde nichts. Sie scheiterte am Mangel von Baumaterialien und am gesellschaftlichen Desinteresse, private Initiativen zu fördern. Die Zeit war keine Zeit für gute Entwicklungen.

Unangetastet blieb das Gelände dennoch nicht. 1955 wurde auf der Nordseite des Mozartweges das „Konsum-Kaufhaus“ eröffnet. Sozusagen gegenüber dem HO-Laden, der jedoch nicht mehr existierte. Er war buchstäblich in Rauch aufgegangen, das heißt Opfer eines Brandes geworden. Das Kaufhaus war gezimmert aus Baracken, die zuvor in nächster Nähe des Bahnhofs Mahlow standen. Vor 1945 waren sie Arbeitsbaracken der Todt-Organisation, die maßgeblich den Autobahnbau organisierte. Nach dem Kriegsende wurden die Baracken Verwaltungsräume des bis 1952 existierenden Kreises Teltow.
Das einzige GAGFAH-Reihenhaus, entlang der Karl-Marx-, zuerst Dietrich-Eckart-Straße, stand an der Ecke Paul-Gerhardt-Straße. Dem schloß sich, als einziger Wohnungsbau im Bauabschnitt 2 von „Blankenfelde F“, später ein Mietshaus für acht Parteien an. Es wurde Ende der fünfziger Jahre nötig, als Bewohner des Klabundrings ihre Grundstücke verlassen mußten, um für einen Abzweig des Außenrings der Reichsbahn Platz zu machen. Was nicht bedeutete, dass Schluß mit dem Bauen war. Mit gebührendem Abstand zum Karl-Marx (Brandenburger)-Platz wurde 1964 der Grundstein für ein „Rathaus“ gelegt. Eingeweiht wurde der einzige Verwaltungsbau, der in der vierzigjährigen Geschichte des Kreises Zossen entstand, am 1. Dezember 1966. Das war ein Ereignis wie die großflächige Grünanlage vor dem Gebäude. Auf der Fläche, nicht auf dem Platz, schlug die GAGFAH Ende der dreißiger Jahre vor, sollte ein Kino mit Gaststätte nebst „Garten“ entstehen. Wenn das nicht sinnvoll und kommunikativ gedacht war!
Das „Projekt Bahnhof“ planten die GAGFAH-Architekten nicht auf der Südseite (Regionalverkehr), sondern auf der Nordseite der Straße (S-Bahn). Als Vorplatz, mit Autozufahrt, war das Gelände vorgesehen, wo ab 1955 das Kaufhaus stand. Gruppiert um den Vorplatz und auf der westlichen Seite der Straße waren fünf Reihenhäuser, auf der Ostseite, bis zum Schienenstrang, drei Reihenhäuser vorgesehen. Also 77 Wohnungen.

Nie wieder wurde der Entwurf der GAGFAH von irgend jemand wahr- und aufgenommen. Als die WOBAB, im Frühjahr 2005, mit einem architektonischen Entwurf für die Bebauung auftrat, war eines sofort festzustellen: Der Entwurf präsentierte eine vielgestaltige, geschlossene Gestaltung des gesamten Geländes. Fast wie ein Geheimnis gehandelt, verschwand der Entwurf auf fast geheimnisvolle Weise von der Bildfläche, nachdem der stellvertretende Bürgermeister sein Amt übernommen hatte. Was nun geworden ist, zwischen Bahnhof und Platz, hat nichts mehr mit den Absichten der GAGFAH zu tun. Auch nichts mehr mit der harmonischen Gestaltung, die die WOBAB-Architekten im Sinn hatten und die vorhandene Architektur berücksichtigte.

Protzig steht ein städtisches Parkhaus da, wo keine Stadt ist. Das heißt, eine Siedlung zu schädigen, wie sie schlimmer nicht geschädigt werden kann. Eine Tat ist zur Untat geworden. Weiter stehen Blankenfeldes Chancen schlecht, wieder ein „schönes Blankenfelde“ zu werden, an das sich die Ältesten erinnern. Gymnasiasten einer elften Klasse, nach dem Parkhaus befragt, wurden schweigsam. Dann überwog die Meinung: Ein Fremdkörper! Kein Vergnügen für die Blankenfelder, mit dem befremdlich Fremden zu leben.

Bernd Heimberger

Nachtrag der Redaktion:
Liebe Leser, für die historisch Interessierten unter Ihnen werden wir die“ erfolgreich verhinderten“ Vorschläge/Ideen  unserer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft in Sachen Rathaus-Neubau in einigen Tagen hier einstellen. Das ist eine umfangreiche Dokumentation von über 50 Seiten.

03.02.2011
Heute, wie angekündigt, für alle Interessierten der nachstehende Link zur WOBAB-Dokumentation:

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