Rätselhafter Rüpel ?

26. Oktober 2011
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Rüpel möchte Ben Becker nicht genannt werden. Mit Enfant terrible wäre er einverstanden. Einverstanden! Wie dann aber den 47-jährigen nennen, der sich mit einem Regisseur prügelte? Sofern das nicht wieder eine Finte der Medien gewesen ist. Becker ist klug genug, sich nicht als verfolgte Unschuld hin- und darzustellen. Die Liste vermeintlich rüpelhafter Auftritte auf der Lebensbühne ist lang. Da muß sich der Mann doch mal wehren! Da muß sich der vermeintliche Rüpel doch mal räuspern!

In dem Ben Becker-Buch „Na und, ich tanze“, redet Becker, frisch von der Leber weg, wie sein bisheriges Enfant terrible-Leben war. Ein Leben, wie die Medien auch emsig berichteten, dass vor vier Jahren auf der Kippe stand. Der Schauspieler sagt, gleich zu Beginn des Buches, dass man den Tod zwar spielen kann, doch nicht mit dem Tod spielen sollte. Beherzigt hat er das nicht.  Der Tod wollte Becker nicht. Noch nicht! Der Künstler nimmt das Leben wichtig. Er nimmt sich wichtig. Das muß er auch. Sonst wäre das Buch gar nicht nötig gewesen, obwohl es Stoff für mehrere Leben bietet. Nicht unbedingt den Stoff, der öffentlich breitgetreten werden muß. Aber Ben Becker ist nun mal Ben Becker. Und der hat mehr auf der Pfanne als rüpelhafte Geschichten.

Unterhalter, der er immer sein will und sein muß, läßt er die Leser des Buches nicht im Stich. Er sabbelt und sabbelt und sabbelt, um es im Beckerschen Sprachstil zu sagen. Wer ihn kennt, hört ihn. Seite für Seite. Hört die Forschheit, die Frechheit. Auch die Besessenheit des Künstlers, die manchmal eben nicht zu bremsen ist. Die Texte haben etwas Frisches, Unverhohlenes, Aufrichtiges. Becker hat nicht nur was auf der Pfanne. Gelegentlich haut er sich in die Pfanne. Das muß die Leser nicht unbedingt für die Person einnehmen. Wohl aber für die Unmittelbarkeit des Buches. Dessen Texte wurden von dem Koautor Fred Sellin beckergerecht eingerichtet. Also ist Becker drin, wo Becker draufsteht.

In seiner Gesamtheit ist der autobiographische Bericht „Na und, ich tanze“ das unfertige Produkt eines Unfertigen. Das Buch ist die Sammlung von Szenen eines Menschen, der seit Kindesbeinen süchtig nach Leben ist. Becker sucht sich, was ihn nicht von anderen Menschen unterscheidet. Wo und wie er sucht, das unterscheidet ihn von Anderen. Vor allem sucht er sich als Star, der er sein will. Weil er will, dass seine Kunst gilt, für die er lebt, durch die er lebt. Als Darsteller ebenso wie als Rezitator und Rock-Sänger. Jeder Show schenkt Becker sich, wie jede Show ein Geschenk an das Publikum ist. Wenn die Show stimmt, stimmt das Leben. Selbst dann, wenn nicht alles stimmig ist. Für Becker ist das Unstimmige ebenso akzeptabel wie das scheinbar Stimmige. Mit dem Stimmigen hat er es nicht so. In der Show wie im Leben. Wie auch anders für einen „unerwachsenen“ Erwachsenen, der bekennt, „dass ich meinen Spaß haben will“? Einer, der sein Leitmotiv zudem mit der Bemerkung festklopft: „Alles andere kommt dahinter.“ Von diesem stabilen Ego vorangetrieben – und manchmal an den Rand, der Abgrund heißt – hat Becker manche Höhen künstlerischen Seins erklommen. Und steht heute wo? Kritisch, vor allem selbstkritisch, kräftig mit Selbstironie gewürzt, gibt Ben Becker in „Na und, ich tanze“ vieles von Ben Becker preis. Mehr als er meint und glaubt preisgegeben zu haben. Psychoklempner, die er nicht mag, wird der Selbstbericht ein reines Vergnügen sein. Und auch Becker selbst, der weiß, was er nicht preisgegeben hat. Schädigt sich der Künstler selbst durch seine Offenheit, so beschädigt er sich nicht. Und schon gar nicht die Menschen, die um ihn sind. Ben Becker ist kein Heiliger. Das ist besser als wäre er ein Scheinheiliger. Nicht schlecht, so einem einmal zuzuhören.

Ben Becker: Na und, ich tanze

Ben Becker, Fred Sellin:

„Na und, ich tanze“, Droemer Verlag: München 2011, 512 Seiten, Geb. 22,99 Euro  ISBN 478-3-426-27536-8

Bernd Heimberger

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