Absurder Alltag

7. November 2011
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Der Mediziner Heinz Schneider schildert, was wie in seinem Leben war. 1934 im Sudetenland geboren, schildert er, was wesentlich und prägend in seinem Leben war. Genau genommen ist seine Autobiographie „Die Normalität des Absurden“ eine Biographie mit Auslassungen. Wesentlich-Prägendes widerfuhr dem jungen Mann in den fünfziger Jahren. Jahre, die Erschreckendes und Entlarvendes hatten, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort war.

Als falsche Zeit, falscher Ort erwies sich für den Heimatvertriebenen, das Kind einer kommunistisch/sozialdemokratischen Familie, jener mitteldeutsche Raum, der zur DDR mutierte. Schneider, der sich immer als Deutscher nie als DDR-Bürger fühlte, war keiner, der den ostdeutschen Staat ablehnte und sich zum aktiven Widerstand gegen die neue Heimat berufen fühlte. Seine Geschichte war nicht die eines Widerständlers. Er wurde in die Rolle eines Widerborstigen, eines so bezeichneten Provokateurs gedrängt. Das konnte in den Gründungsjahren der DDR schnell geschehen. Es genügte, im Zustand der Trunkenheit, ein Stalin-Bild mit Mostrich zu beschmieren, um nach Sibirien verfrachtet zu werden. Diese authentische Geschichte mit der des Heinz Schneider verglichen, war er geradezu ein Privilegierter, der die Absurditäten des bornierten Alltags der DDR glimpflich überstand. Das entschuldigt nicht, wie bedenkenlos, würdelos, verlogen, verleumderisch die Staatsgewalt, sprich die Parteidiktatur, dem Studenten Schneider zusetzte. Privilegiert war er, das Arbeiterkind, als er in den Reihen der Kasernierten Volkspolizei, gewissermaßen der Vorläufer der Nationalen Volksarmee, eine medizinische Ausbildung begann. Privilegiert, ließ er sich jedoch nicht zu vorgetäuschter Partei- und Staatstreue verpflichten. Seine Individualität verbot ihm, ein willfähriger Massenmensch zu sein. Nicht bereit, Mitglied der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) zu werden, wachsende Zweifel an der deklarierten „führenden Rolle der Partei“, kam es sehr bald zu Verleumdungen, Verunglimpfungen und Verfolgungen des Studenten vor allem durch Vorgesetzte. Die Verurteilung Schneiders gipfelte, wenige Wochen vor dem Studienabschluß, in der  Exmatrikulation und der Vergatterung, sich „in der Produktion zu bewähren“. Das, so grob zusammengefaßt, ist eine Schicksalsgeschichte, wie sie auch andere Bürger in der DDR erlebten. Keine dramatischen Tragödien. Doch tragisch in ihrer Dramatik. Für jeden Einzelnen. Für jeden Hoffnungsvollen.

Heinz Schneider war einer der Hoffnungsvollen. Er hat die DDR nie verlassen. Er hatte ein erfolgreiches Berufsleben als Diabetologe. Und, er hat nicht vergessen, was er an politischen Absurditäten in den fünfziger Jahren in der DDR erlebte. Diese Absurditäten füllen den wesentlichen Teil seines autobiographischen Berichts. Der Schneidersche Bericht steht für Schneider. Und er steht für viele vergleichbare Geschichten. Geschichten, die nie aufgeschrieben wurden, die besser nicht vergessen werden sollten. Heinz Schneiders Schicksalsbericht „Die Normalität des Absurden“ schildert Zeitgeschichte. Die gehört der Öffentlichkeit, gehört denen, die nichts oder wenig von der DDR wissen, die sich jedoch allerorts jederzeit als DDR-Kenner räuspern. Der Autobiographie verurteilt und verdammt nicht vergrämt und zerknirscht die DDR, die ihm das Leben in den Jugendjahren vergällte. Heinz Schneider verpflichtet die Leser seines Buches, die Geschichte der DDR in ihrer Gesamtheit genauer zu betrachten. Wenn das kein Wert ist!

Bernd Heimberger

Heinz Schneider: Die Normalität des Absurden. Spiegelberg Verlag: Angermünde 2011. 224 Seiten, Geb., 19,90 Euro, ISBN 978-3939043-36-2

Nachbemerkung zu Heinz Schneider: „Die Normalität des Absurden“

Dr. Heinz Schneider lebt heute in Mahlow. Welcher Ort der Heimatort seines Lebens ist, das sagt er nicht in seinem Buch. Er sagt, welche Orte Bedeutung hatten in seinem Leben. Blankenfelde war einer der Orte. Hier war er 1968 zur „Bewährung in der Produktion“. Genauer gesagt in dem „VEB Pharma Blankenfelde/Zossen“. Der existierte, wie die Ortsansäßigen sagten, im „Industriegelände“. Das war jenes Gelände, in dem in den Jahren des zweiten Weltkriegs ein Fremarbeiterlager eingerichtet war. Das war jenes Gelände, in dem das „Ausländerkrankenhaus“ war, von dem jüngst wiederholt berichtet wurde. Wer also über das Gelände sprechen will und spricht, kann nichts aus der jahrzehntelangen Geschichte ausklammern. Dr. Heinz Schneider hat seine Geschichte aus den fünfziger Jahren aufgeschrieben. Auch, damit sie nicht vergessen wird, weil Geschichte nicht teilbar ist.

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