Aufrichtige Abgeordnete

18. Januar 2012
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Ob die Volkskammer der DDR je eine Kammer des Volkes war? Zweifel kommen auf. Zweifel lassen sich zerstreuen. Die Volkskammer war, wie nie zuvor, eine Kammer des Volkes. Jene Volkskammer, die sich nach den Wahlen vom 18. März 1990 konstituierte und die sich schließlich selbst durch ihren Beschluß abschaffte, mit der gesamten DDR der Bundesrepublik Deutschland beizutreten. Ob der Beschluß dem Willen der gesamten DDR-Bevölkerung entsprach? Das Volk wurde nicht gefragt. Soviel Wagnis erwog selbst die letzte Volksvertretung der DDR nicht. Dennoch war sie, wie sie war, eine der demokratischsten, wenn nicht die demokratischste parlamentarische Institution der deutschen Geschichte. Wenn das nicht wieder nur eine Behauptung ist!

Wann aber konnten Abgeordnete je behaupten, dass der entscheidende Teil ihrer Arbeit im Plenum selbst stattfand? Behaupten können das drei Abgeordnete des ersten, einzigen frei gewählten DDR-Parlaments. Es sind dies der Jurist Rolf Schwanitz (SPD), der Arzt Burkhard Schneeweiß (CDU), die Historikerin Dagmar Enkelmann (PDS).

„Spontanität war das Gebot der Stunde“ ist der Titel der von Nicole Glocke ermöglichten Publikation, die mit den überaus unterschiedlichen wie doch vergleichbaren Biographien der drei Mandatsträger bekannt macht. Das Agieren der Drei in einer historischen Stunde hat sie zu Personen der Zeitgeschichte gemacht. Geschmäht von ihren bundesdeutschen Parlamentskollegen als politische Laientruppe, haben sie persönlich engagierter, direkter, gewissenhafter gehandelt als das deutschen Parlamentariern anderer Zeiten gelang. So verschieden die drei Biographien auch sind, sie sind sich ähnlich in ihrer typischen DDR-Bildungsbiographie. So unterschiedlich ihre politischen Haltungen, so verbindlich, verbindend ist ihr gesellschaftlicher Gemeinsinn. Und der machte den besonderen Zusammenhalt der Abgeordneten der letzten Volkskammer aus. Nicht zufällig sind sie sich in der Gewißheit einig, das alles verblaßt vor dem Hintergrund der parlamentarischen Arbeit, die zwischen April und September in der Ost-Berliner Volkskammer getan wurde.

Jeder der Beteiligten hebt vor allem das interfraktionelle Tun hervor, das getragen wurde vom gegenseitigen Respekt, der die Grundstimmung in der Volkskammer ausmachte. Etwas was Enkelmann und Schwanitz am ehesten vermißten, wenn sie andeutungsweise von ihren Erfahrungen im Bundestag berichteten, aus dem sich Schneeweiß fernhielt, der seit den siebziger Jahren in der Volkskammer war. Seine zurückschauenden Reflektionen auf die Gleichförmigkeit, Eintönigkeit, Zwecklosigkeit des DDR-Parlaments unter der Ägide der Staatspartei SED, ist deshalb ein substanzieller Beitrag des Buches, weil er generelle Rückschlüsse auf parlamentarisches Tun in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen zuläßt.

Das nützt der differenzierten Beurteilung und Bewertung. Auch, wenn auf die Gegenwart des Parlamentarismus geschaut wird. Wichtig wird die Publikation immer dann, wenn sie sachlich in der Darstellung bleibt, wenn sie ausführliche Einblicke in die Biographien gibt. Schildert die Autorin Nicole Glocke Eindrücke, Wahrnehmungen, wozu sie gern neigt, gibts Kolportage-Prosa zu lesen, die der Absicht des Buches geradezu entgegengesetzt ist. Gut also, dass die biographischen Aussagen nicht nur ausführlich, sondern detailliert-gründlich sind und dem Sachbuch die Sachlichkeit bewahren. Schließlich hat das Volk ein Recht darauf, von den gewählten Abgeordneten zu erfahren, was sie wie wirklich im Interesse des Volkes tun. Schön wär´s! Vielleicht ist das Buch ein guter Anfang.

Nicole Glocke:
Spontanität war das Gebot der Stunde. Drei Abgeordnete der ersten und einzigen frei gewählten DDR-Volkskammer berichten. Mitteldeutscher Verlag: Halle (Saale) 2012. 240 Seiten, Broschur, 14,95 Euro. ISBN 978-3-89812-898-8

Bernd Heimberger

 

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