Schlucken oder spucken?

26. Februar 2012
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Ein junger Mann aus dem Saarland, gerade 23 Jahre, wird am 4. Dezember 1934 in der Berliner Haftanstalt Moabit inhaftiert. Seine „Untat“: Er beteiligte sich aktiv an antifaschistischen Aktionen gegen das Naziregime. Ein alter Mann, kurz vor dem achtzigsten Geburtstag, kommt am 29. Juli 1992 abermals in die Justizvollzugsanstalt Moabit. Er erinnert sich. Alles ist wie einst. Wie vor 57 Jahren. Abermals ist er, der Erich Honecker, der Unterlegene. Ein Verlierer ist er nicht. Nicht, dass er das so sähe.

Erich Honecker war der Partei- und Staatschef eines liquidierten Landes, das fast 41 Jahre Deutsche Demokratische Republik hieß. Der Mann leugnet das Scheitern des Staates nicht. Nicht in den Notizen, die er „Für Margot“ schrieb und die jetzt als „Letzte Aufzeichnungen“ publiziert wurden. Im August 2012 jährt sich der 100. Geburtstag Honeckers. Die Angesprochene, Witwe, Erbin der Aufzeichnungen hat gezögert, das Gefängnistagebuch zu veröffentlichen. Das endet mit dem Eintrag vom 7. Januar 1993 – eine Woche vor der Ausreise Honeckers aus Deutschland. Weshalb die nahezu zwei Jahrzehnte andauernde Zurückhaltung, die Aufzeichnungen zu veröffentlichen? Margot Honecker, die der Publikation ein heftig propagandistisches Vorwort voranstellt, notierte: „dass man Privates… besser im privaten Raum belassen sollte.“ Wieso das Durchbrechen, nun, der Zweifel? Was ist denn das Private? Ist es das, wenn der Schreiber, zwei-, dreimal seine Frau „meine Kleine“ nennt? Wenn er einmal von „Papa“ und „Mama“ spricht, wenn er seine redlichen Eltern meint? Wenn er mit Vorliebe seine Kinder und Enkelkinder erwähnt? Wenn er seine Genugtuung über den Zusammenhalt der Honeckers äußert? Vielmehr Privates wird nicht preisgegeben. Privates ist immer nur Randbemerkung zu den Bemerkungen. Auch als der Inhaftierte, am 7. August 1992, erfährt wie lebensbedrohend der diagnostizierte Tumor der Leber ist. Der Todeskandidat notiert: „Ich muß umdisponieren.“ Keine Wehleidigkeit. Kein Jammern. Keine Wut. „Umdisponieren“ heißt, sich zu straffen, sich aufzurichten. Sich nicht „gehen zu lassen“. Sich nicht an die Existenz zu klammern. Der Privatmann Honecker ist zuerst der Politiker. Der, vor allem der, äußert sich.

Die Äußerungen des Politikers Honeckers rechtfertigen die Verbreitung der Aufzeichnungen. Es sind nicht die eines Historikers. Die Aufzeichnungen sind eher die emotional-sachliche als rationale Verteidigung der DDR, die für Honecker eine „Demokratie, die sozialistisch war“, gewesen ist. Bei Gott, keine Diktatur! Wenn das, werden nun seine Gegner sagen, nicht die Haltung geistiger Engstirnigkeit ist. Es ist die Haltung eines Mannes, dem abermals der deutsche Imperialismus den Prozeß macht. Der ewige Imperialismus, der seinen Profitinteressen jede menschliche Persönlichkeit opfert. Das so gesagt zu bekommen, muß so zur Kenntnis genommen werden. Was nicht leicht möglich ist? Was leicht möglich ist? Das entscheidet die persönliche Situation, die die Leser zur gestrigen wie heutigen Welt-Wirklichkeit haben.

Verblüffend, verwirrend was Erich Honecker, dann und wann, von sich gibt. Zur potentiellen deutsch-deutschen Konföderation hält er fest: „… die hatten wir immer im Hinterkopf“. Was bedeutet das? Die Aufgabe der DDR? Das Deutschland wiederherstellen, aus dem die alten Herren des Politbüros kamen? War Sentimentalität der Greisen im Spiel? Konföderation, um sich einen prominenten Platz im Geschichtsbuch zu sichern? Manche Leser werden schlucken. Manche spucken. Viele werden nachdenklich werden. Nochmals ist nachzudenken über die DDR. Wie war sie? Was war sie? Erich Honeckers Wahrheiten waren einfach. Waren klar. Mit Klarheit sagt er, wieder und wieder, dass seine Sache die Sache des Sozialismus war. Den sah er in der DDR auf dem richtigen Wege. Kein Zweifel. Wenn, eine Hauch von Selbstzweifel. Voller Aufrichtigkeit. Auch die vielen Sätze, die heute in jedem Artikel, jeder Publikation der so zahlreich auftretenden Kapitalismus-Kritiker auftauchen. Da ist die Schlußfolgerung nicht abwegig, dass Erich Honecker 1994 nicht ohne berechtigte Hoffnung starb. Egal, was man davon hält, was der Politiker in seinen „letzten Aufzeichnungen“ der Nachwelt hinterließ. Nicht nur für Margot.

Erich Honecker: Letzte Aufzeichnungen. edition ost. Das Neue Berlin: Berlin 2012. 192 Seiten, Broschur, 14,95 Euro, ISBN 978-3-360-01837-3

Bernd Heimberger

 

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