Das Floß der Medusa. Was wir zum Überleben brauchen

14. März 2012
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Wolfgang Schmidbauer darf man getrost nicht zu denen rechnen, die Hyperkrise oder archaische Untergangszenarien in klingende Münze verwandeln. Dazu ist der Autor und Psychoanalytiker zu nahe an den Ängsten der Menschen dran. Maya-Kalender und Weltuntergang? Nein, die Krise wird eine schleichende sein,“ sagte er am 24. Februar 2012 in einem Handelblatt-Interview. Und dann kommt der entscheidende Satz: „ Es geht nicht so weiter, wie es gegenwärtig läuft. Wir müssen uns auf einen Zusammenbruch einstellen.“

Falsche Sicherheit: Der Glaube an die Konsumgesellschaft
Ist dieses globale Wirtschaftssystem überhaupt noch steuerbar? Und, wie fühlt sich das an, wenn so ein großes System zerbricht. Das sind Fragen, die den Psychotherapeuten umtreiben. „Kann man sich darauf vorbereiten und wenn ja, wie?“ Spüren die Menschen eigentlich, dass da was heraufziehen könnte? Das Unheimliche ist, dass sie es nicht spüren, sagt Schmidbauer. Die Konsumgesellschaft wiegt die Menschen in falscher Sicherheit – „doch wer in einer Überzuversicht, in einem übermäßigen Glauben an Sicherheit und Wohlstand lebt, der ist besonders hilflos, wenn dieser Glaube zerbricht.“
Die Ängste nehmen zu, stellt er fest. Depressionen sind die Folge. Mit den Konsequenzen ist er in seiner Praxis ganz unmittelbar konfrontiert. „Die Leute glauben, sie hielten alle Belastungen aus, sie könnten ständig erreichbar sein, könnten alle Ansprüche erfüllen und dabei auch noch gut drauf sein. Manische Selbstüberschätzung und  Verleugnung sind für ihn zwei Seiten einer Medaille.

Vorbereitungen für den Bau von Rettungsflößen
Im „Floß der Medusa“ geht es um die Krise unseres Wirtschaftssystems und darum, was wir zum Überleben brauchen, sollte es zerbrechen. Er schreibt, was dann an Trümmern auf uns zu kommt, ist unmöglich vorauszusagen. „Aber sollten wir nicht das Mögliche tun, uns geistig und emotional auf den Bau von Rettungsflößen vorzubereiten?“

Dilettantismus, Verantwortungslosigkeit und Versagen von Führungsstrukturen
Mit 140 Opfern zählte der Untergang der französischen Fregatte „La Medusa“ 1816 nicht zu den schlimmsten Schiffskatastrophen. Traurige Berühmtheit erlangte sie jedoch durch eine katastrophal gescheiterte Rettungsaktion. Es ist die Geschichte von Macht, Anmaßung, Selbstüberschätzung und fatalem Dilettantismus, von Verantwortungslosigkeit, Missmanagement und dem Versagen von Führungsstrukturen. Ein unfähiger Kapitän, durch politische Beziehungen in seine Position gekommen, überlässt einem ebenso unfähigen Aufschneider das Ruder, der das Schiff prompt auf eine Sandbank, weit draußen vor der Küste Senegals, setzt. Die Chance, die Fregatte wieder frei zu bekommen verstreicht, weil man sich nicht entscheiden kann, welchen Ballast – Kanonen oder Proviant – man über Bord werfen soll. Als ein Sturm dann das havarierte Schiff auseinanderreißt, fällt die Entscheidung, ein Floß zu bauen, auf dem man die Passagiere mit den Beibooten und einem Tau an Land ziehen will.
Doch auch das misslingt; das Floß ist eine fatale Fehlkonstruktion – viel zu schwer, zu groß und zu instabil. Bis zu den Hüften stehen die Schiffbrüchigen im Wasser, weil die missratene Konstruktion viel zu wenig Auftrieb besitzt für die große Zahl an Menschen, die sie aufnehmen muss.  Als die rettende Küste in Sicht war, wurde das Tau gekappt. Das Floß trieb umher, immer weiter von der Küste weg. Was sich dann binnen weniger Tage auf diesem Floß abspielt, ist ein Alptraum von Verzweiflung, Gewalt, Kannibalismus und Tod – während sich die Führungsriege in den sicheren Hafen gerettet hat.

Keiner Hoffnung auf eine Anpassungsfähigkeit des Systems
Für Schmidbauer ist die Medusa ein Symbol „für die Selbstblendung der menschlichen Psyche angesichts des Zusammenbruchs von Erwartungen.“ Seine Lehre lautet: sich vorbereiten, Provisorien entwickeln, die tragen können, wenn die große Struktur zusammenbricht. Häuser der Eigenarbeit, interkulturelle Gärten, der Aufbau einer Subsistenzwirtschaft, die Nutzung der Gemeingüter (Wasser, Energieerzeugung z.B.) sind für ihn Bausteine aus denen sich tragfähige Strukturen für das Überleben entwickeln lassen.

Das Buch, so Winfried Kretschmer im „Handelsblatt“, „ist ein Plädoyer für die Rückeroberung der Gemeingüter, die Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom wieder in den Blickpunkt der Ökonomie geholt hat. In lokalen, von den Nutzern selbst organisierten Netzwerken sieht Schmidbauer eine Alternative zu hyperkomplexen Großstrukturen. Hoffnungen auf eine Anpassungsfähigkeit des Systems hegt Schmidbauer indes keine. Seine Hoffnung ist eine Gegenkultur zum Konsumismus.“

 

 

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Wolfganng Schmidbauer:  Das Floß der Medusa. Was wir zum Überleben brauchen  
Murmann, Hamburg 2012, 206 Seiten, 19,90 Euro                                               

 

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