20. März 2012
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Darüber wurde nicht gesprochen. Nicht in der DDR. Nicht darüber, dass „da“ die NAPOLA drin war. Da umschrieb das Gebäude, in dem die Verwaltung des Bezirkes Potsdam ihren Sitz hatte. Mit der NAPOLA (Nationalpolitische Erziehungsanstalt) war die Eliteschule der Nazis gemeint. Sie hatte sich eingenistet, wo bereits 1822 die preußische Kadettenanstalt eingerichtet wurde. Mit Stolz sprachen davon die gealterten, wacklig gewordenen Offizierswitwen in Potsdam. Heute ist die Landesregierung von Potsdam zu Hause, wo Kadettenanstalt, NAPOLA, Bezirksverwaltung waren. Heute wird die Existenz der Bezirksverwaltung nicht erwähnt. Eine absichtsvolle Auslassung? Eher nicht.

Martin Kaule, Autor der Publikation „Brandenburg 1933-1945“ ist ein Unvoreingenommener. Seine Notate zu den beschriebenen Orten und Städten, Personen und Ereignissen („Tag von Potsdam“) sind um Sachlichkeit bemüht. Kaule ist kein Historiker. Einige seiner Formulierungen sind naiv. Gelegentlich reflektiert er historische Begriffe („Größenwahn“) allzu klischeehaft.

Mit der Publikation setzt der Ch. Links Verlag eine verdienstvolle Editions-„Reihe“ fort. Unbeachtet gebliebene, vergessene, zerstörte Stätten der Geschichte, die durch das Dritte Reich geprägt wurden, werden ins Gedächtnis gebracht. Stätten der Macht- und Gewaltpolitik der Nationalsozialisten. Bleibend die Nachfrage zu der Ausgabe „Berlin 1933-1945“, die als unüblicher „Stadtführer“ Wege durch die Stadt weist, die nicht nur für die Berliner ein Ereignis sind. Nichts anderes läßt sich von der Brandenburg-Ausgabe sagen. Deklariert als „Der historische Reiseführer“ stimmt die Deklaration so nachdenklich wie „Stadtführer“. Die Bezeichnungen ohne Hintergedanken hinnehmen? Aber ja doch! Uns sich freuen, wie sich der Verlag bemüht, Vergangenes nicht aus der Erinnerung zu eleminieren. Die thematische, historische Brandenburg-„Reise“ ist ein außergewöhnliches Erlebnis. Nicht nur für Brandenburger.

Der Verfasser „streift nicht nur die Städte Potsdam, Frankfurt/Oder und Cottbus. In Nord- und Südbrandenburg geteilt, geht’s durch sämtliche Landkreise. Achtsam und angeregt durch den TF (Teltow-Fläming) mitgegangen, wo der Rezensent zu Hause ist, wird staunend wahrgenommen, was unbeachtet, unbekannt geblieben ist. Zum Beispiel der erste deutsche Atomreaktor in Gottow bei Baruth. Die ausgewiesenen Orte nun als Reiseziele wählen? Das heißt wohl, die innere Haltung zu ändern. Heißt, nicht loszutrotten mit der gewöhnlichen touristischen Neugier. Viele Orte fordern die Nachdenklichkeit. Sie sind Orte des Gedenkens. Orte, wie das KZ Sachsenhausen. Orte, die durch eine Tafel erinnern, wo eine Synagoge war oder eines der Lager für Kriegsgefangene beziehungsweise Zwangsarbeiter, die im Nazi-Reich beschwichtigend Fremdarbeiter genannt wurden. Das Buch von Martin Kaule ist auch eine Gedächtnistafel für die nach Deutschland verschleppten Ausländer.

Wenn auch die eine oder andere Angabe oder Schreibweise des Autors nicht völlig korrekt ist, sie ist dem 1979 Geborenen verziehen, ohne die Ungenauigkeiten zu ignorieren. Mit „Brandenburg 1933-1945“ hat nicht nur Brandenburg einen nötigen Wegweiser durch Momente der Geschichte. Als Gedächtnis- und Gedenkbuch-Buch ist es auch ein Denk-Mal.

Bernd Heimberger

Martin Kaule: Brandenburg 1933-1945. Der historische Reiseführer.  Ch. Links Verlag: Berlin 2012. 112 Seiten. Klappenbroschur, 14,90 Euro, ISBN 978-3-86153-669-7

 

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