Unsichtbares Komitee: Der kommende Aufstand

19. April 2012
Von

Edition Nautilus, Hamburg 2010, Pb., 124 S., € 9,90

Dieses Buch ist eigentümlich. Es ist aus einer sehr ungewöhnlichen Perspektive geschrieben, die vordergründig nicht spirituell sondern politisch ist, doch im Hintergrund offensichtlich sehr wohl die ewigen Kategorien und Fragen der Menschheit berührt. Was ist das Wesen Mensch? Worum geht es im Leben? Wie können wir lebendig sein? Wie können wir in Beziehung treten? Es geht ums Teilen, nicht nur der materiellen Güter, sondern auch unserer inneren Wahrheiten. Es geht um die Verbindung der Seelen, als essentielles Bedürfnis des Menschseins. Das alles jedoch sehr geerdet, sehr konkret, und da wird es politisch. Denn wir leben in einer sozialen Gemeinschaft, die von wirtschaftlichen Interessen, von Staat und Gesetz, von Politik bestimmt ist. Es gibt Arbeitslosigkeit und staatliche Repression. Es gibt die Unzufriedenheit der Jugend. Es gibt Unruhen und Aufstände weltweit, von denen man in den Mainstream-Medien wenig mitbekommt.

Das unsichtbare Komitee, das als Autor des Buches firmiert, scheint eine Gruppe von Arbeitern und Intellektuellen in Frankreich zu sein. Sie bleiben anonym, und die Anonymität ist eine ihrer Stärken im politischen Kampf. Ja, sie sprechen von Kampf und von Krieg. Das hört kein Spiritueller gerne, denn es ist doch ausgemacht, dass wir als Esoteriker, New Agler, Spirituelle nur Frieden und Wohltaten verbreiten. In diesem Sinne ist das Buch nicht spirituell.

Aber in einem anderen Sinn ist es dies sehr wohl: im Erkennen, was ist. Spirituell bedeutet zumindest für mich auch, die Wirklichkeit zu erkennen. Spirituell ist ideologiefrei, insofern das Gegenteil von Religion im institutionalisierten Sinn, die immer Ideologie ist. Ideologie verschleiert die Wahrheit zugunsten von Manipulation und Herrschaft. In der Ideologie ist das Interesse nicht mehr die Wahrheit, sondern die Herrschaft. Man will mit allen Mitteln Recht haben, wenn es sein muss auch mithilfe von Täuschung und Lüge. Dies ist auch der Ursprung der babylonischen Sprachverwirrung, wo die Worte nicht mehr der Wahrheit dienten, sondern für ideologische Interessen missbraucht wurden. In diesem Sinne spricht das Buch auch davon, dass die Sprache ein Kriegsgebiet ist: „Bestimmte Wörter sind wie Schlachtfelder, deren Sinn ein revolutionärer oder reaktionärer Sieg ist – notwendigerweise im erhabenen Kampf errungen.“ (S. 121)

Sie gehen von dieser Wahrheit aus: wir sind nicht im Frieden und nicht im Paradies. Es gibt Ideologie und Machtmissbrauch. Es gibt die „Abstellkammer der Meinungsfreiheit“ (S. 122), in der wir zwar alles sagen dürfen, aber nichts wirkt.
Sie möchten zurück zu dem, was wirkt. Das ist die Verbindung von Geist und Tat: „Eine Art verkörpern, wie man Handeln und Denken in der derselben Existenz vereinigt.“ (S. 121)
Wie können Menschen zusammenkommen? Sie sprechen über Organisationen: „Die Organisationen sind ein Hindernis dabei, sich zu organisieren. In Wahrheit gibt es keinen Abstand zwischen dem, was wir sind, dem, was wir machen, und dem, was wir werden. (…) Der Grad der Organisation misst sich an der Intensität des – materiellen und spirituellen – Teilens.“ (S. 119f.)

Politik gilt zur Zeit in den fortschrittlichen Kreisen, wie auch in den aktuellen Moden als veraltet, überholt. Man beschäftigt sich lieber mit Wellness, Selbstverwirklichung und Psychologie. Tatsächlich ist das alte Politikverständnis, wie es sich in der 68er-Bewegung und den entsprechenden linken Strömungen zeigte, mit seiner anti-spirituellen Haltung überholt. Aber das, was in diesem Buch steht, ist schon wieder einen Schritt weiter. War die spirituelle Bewegung die Antithese bzw. Überschreitung der politisch-gesellschaftlich orientierten revolutionären Studentenrevolte, so ist die in diesem Buch präsentierte Sicht die Überschreitung der antithetischen psycho-spirituellen Perspektive des New Age. Nicht indem sie diese ablehnt, sondern indem sie Politik und Spiritualität integriert zu einem in der Tat eigentümlichen neuartigen Weltverständnis. Hier greifen die alten Dualismen nicht mehr. Hier wird weder die politische noch die spirituelle Ebene ausgeblendet, und doch werden beide nicht in ihrer herkömmlichen Art apologetisiert.

Die reale Sicht auf die Dinge ist notgedrungen eine gesellschaftliche, weil wir in kollektiven  Strukturen existieren.
Das Buch definiert die realen Verhältnisse mit seinen Ausbeutungs- und Entfremdungsstrukturen als lebensfeindlich. Die kreativen Impulse und der Drang nach Freiheit müssen eingeschränkt werden, um die permanente Krise zu verwalten und die bestehenden Verhältnisse zu stabilisieren: „Aber das Lebendige, das hat in den sogenannten sozialen Brennpunkten Quartier bezogen. (…) Die Elendsviertel sind in vielen Megapolen die letzten lebenden, lebenswerten Orte und – das ist wenig überraschend – auch die tödlichsten. “ (S. 38) Hieraus spricht auch das dialektische Denken der Autoren. Die lebendigsten sind zugleich die tödlichsten Orte. So ist das.
Sie beschreiben die Isolation, das Exil, die durch den Zwang zur Jobmobilität verstärkt werden:
„Die Vermehrung der Verkehrs- und Kommunikationsmittel reißt uns ununterbrochen aus dem Hier und Jetzt heraus – durch die Versuchung, immer anderswo zu sein. Einen TGV, einen Regionalexpress, ein Telefon zu nehmen, um schon da zu sein. Diese Mobilität bedeutet nur Herausreißen, Isolation, Exil. Sie wäre für niemanden ertragbar, wäre sie nicht immer Mobilität des privaten Raumes, des tragbaren Inneren. Die private Blase platzt nicht, sie fängt an zu schweben. Es ist nicht das Ende des Cocooning, es setzt sich bloß in Bewegung.“ (S. 41, Kursive von den Autoren)

Das „Hier und Jetzt“ ist ja DIE spirituelle Kategorie. Und eben, es ist essentiell. Das wissen auch diese Autoren, und sie zeigen, wie diese spirituelle und lebendige Präsenz durch die modernen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Strukturen zerstört wird und – das ist das Schöne – wie man sie wieder gewinnt. Hier wird geradezu schmerzhaft bewusst, wie untrennbar das private Innere mit dem öffentlichen Äußeren verwoben und verschmolzen ist. Hier wird deutlich, wie letztlich auch die Forderung nach Innerlichkeit in die Kontroll- und Verwertungsmaschinerie des Kapitalismus eingepasst werden kann.
Das ist die außergewöhnliche Leistung dieses Buches, dass es nicht im Widerspruch von Innerlichkeit und Gesellschaft, von Spiritualität und Politik gefangen ist, sondern eine Integration praktiziert, die wirklich auf der Höhe der Zeit ist.

Ronald Engert

 

(Ronald Engert ist Chefredakteur von “Tattva Viveka”, einer Zeitschrift für Wissenschaft, Phlilosophie & spiritueller Kultur, die vier mal jährlich in Berlin herausgegeben wird – www.tattva.de)

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