29.04.2012: Bernd Heimberger wird 70

29. April 2012
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Bewegte Zeiten für einen 70jährigen dieses Schlages. Was hat er sich da angetan die letzten Jahrzehnte. Als Vorsitzender des Kulturvereins Blankenfelde-Mahlow, Kreistagsabgeordneter, Vorsitzender der Fraktion BürgerBündnis Blankenfelde-Mahlow – dazu summiert sich sein publizistisches Schaffen nicht nur zur Heimatgeschichte oder eben für dieses online-Magazin. „Aula Park“, GAGFAH-Museum – vieles ist mit seinem Namen und seinem Wirken in der Öffentlichkeit für die Öffentlichkeit verbunden. Wie das alles würdigen? Vielleicht war das Wirken des Jubilars vor allem immer eins: Maßstabspflege, wenn nötig in souveräner Verweigerung. Das schafft Feinde, vor allem, wenn dies in letzte Konsequenz dazu führt, das sich ein Bürgermeister (SPD), ein Baudezernent, eine Vorsitzende des Finanzausschusses (CDU) auf der Beschuldigten-Liste des Staatsanwalts wiederfinden. Feinde, die ihm nur zu gerne eine Stasi-Zuträgerschaft unter die Weste jubeln oder solche, die weder den Anstand, noch den Mumm haben, sich offen zu zeigen und es vorziehen, anonym aus dem Unterholz zu agieren, dumm, dumpf, mit stumpfem Sinnen. Das letzte anonyme „Schriftstück“ ist nicht mal eine Woche alt. Untaugliche Versuche am untauglichen Objekt, würden Juristen sagen oder diejenigen, die Bernd Heimberger besser kennen. Natürlich wird er weiter arbeiten und weiter anschreiben gegen die größte aller Ideologien, nämlich, dass die Wirklichkeit behauptet, sie sei wirklich. In Wahrheit ist sie rissig und durchlässig, ist sie ein Beleg für das Füllhorn an Alternativen, nicht nur in dieser Gemeinde.

Seine Einladung hat das Format eines Lesezeichen, wie praktisch. Darauf hat der Jubilar zugleich einen Wunsch an seine Gäste gerichet:  „Keine persönlichen Gaben. Stattdessen – wenn – Spenden für das GAGFAH-Museum.“ 
Vielleicht nimmt ja auch ein ganz anderer persönlicher Wunsch, eine Stiftung mit „Alter Aula“, GAGFAH-Museum, Wohnhaus und, und und … doch noch Formen an in den nächsten Jahren. Die nicht unbeträchtlich Summe, die er dafür inzwischen aus seinem Privatvermögen auf die Seite gelegt hat, ist das Eine. Verbündete müssen her, die das Geschaffene zu bewahren gewillt sind, anstatt es nach seinem Tod „mit gebührendem Bedauern“ platt zu machen. Zunächst aber müssen Ruhe, Kraft und Zeit her, um die konzeptionellen Vorarbeiten zu Ende zu bringen. Wünschen wir ihm und uns, dass ihm bei seinem Vorhaben nicht nur das Schicksal dienstbar zur Hand geht.     

 


 

Näher und Näher

Selbstbetrachtung zum Siebzigsten

 

Ja, Luise!

Alles begann mit Luise. Wir glaubten, alle kennen Luise, und Luise kennt alle. War es denn so, wie wir glaubten? Es war so! Fortwährend klopfte es an ihrer Haustür, die schon arg ramponiert war, weil mit einem Holzklöppel gegen die Tür geschlagen wurde. Störte Luise offenbar nicht. Sie war nicht gern allein. Sie kümmerte sich. Auch um uns, die wir keine Großmutter hatten. Luise war gut Mitte Fünfzig und füllig und ohne Enkel. Noch. Wir waren ihr Enkel. Waren ihre Enkel.

Luise war der Schiedsmann in der Gemeinde. Eindeutig und ohne Zweifel: Der Schiedsmann. Luise war Gemeindevertreterin. Luise war Gründerin der Ortsgruppe des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands. Die ist eine Kommunistin, sagten einige Leute und mieden Luise. Obwohl die Kommunisten, wie es hieß, jetzt das Sagen hatten in der ESBEZET (Sowjetische Besatzungszone). Ob Luise im November 1932 die KPD gewählt hatte, um Schlimmeres zu verhindern, wußte wirklich nur Luise. Bruder Richard vermutete das. Er war inzwischen Landrat des Kreises Teltow, in dem wir wohnten. In den zwanziger Jahren war der Bruder ein forscher Reformpädagoge. In politischen Dingen vertraute Luise uneingeschränkt dem Jüngeren. Luise eine Kommunistin? Wohl eher nicht. Wohl ehr eine Liberale. Eine Tolerante. Deine Demokratin. Eine Menschenfreundin. Luise war eine Frau, wie gesagt, die sich kümmerte. Wie gesagt: Auch um uns. Auch, dass wir was zu Essen hatten und Schuhe ohne lose Sohlen und Löcher, wo die Zehen waren. Luise versorgte uns und sorgte sich um uns. Auch, um unsere Erziehung. Auch, um unsere politische Bildung.

Luise hatte genug Gründe zu sein, wie sie war. Ihr Sohn, das einzige Kind, saß eingesperrt in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern. Von Hans, dem Sohn, mußte sie immer sprechen. Luise litt unter der Trennung und verbarg ihr bitteres Schicksal nie. Sie war stark in ihrer Sehnsucht und gestärkt durch das Sehnen. Die neue Nationalhymne des neuen Landes, das eine deutsche, demokratische Republik sein sollte und wollte, war ganz in ihrem Sinne. Mit ihrer überzeugenden Sopranstimme konnte sie überzeugend einstimmen, wenn es hieß „… dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint…“.

Wieso hätte uns Luise ausreden sollen, „Junger Pionier“ zu werden? Wurden doch alle. Fast alle. Selbst die Kinder der so genannten Intelligenzler. Ärzte und andere. Wieso sich abseits stellen? Ich, Schüler der dritten Klasse? Frank, der noch nicht eingeschult war? Der wollte sein, was sein großer Bruder werden konnte. Luise sorgte dafür, dass die Ausnahme eine Ausnahme blieb. Gemeinsam saßen wir Brüder in der Aula der Schule. In der überquellenden Aula. Die Kleinen zapplig. Die Großen mit sonderbarem Lächeln um die Lippen. Mir war zum Heulen. Ich wollte nicht, wie die Anderen, mit den Anderen, Pionier sein. In mir wollte ich nicht. Ich wurde zum Pionier gemacht. Ein Fräulein Lehrerin mit stets schön gebügeltem und gestärktem Spitzenkragen, die aussah wie eine Gouvernante, knotete das blaue Tuch unterm Kragen des Hemds und gratulierte. Ich fühlte mich im Gewusel allein. Wie an dem Vormittag, an dem ich in der Aula eingeschult wurde. Als Schüler ein Schülerstück aufführten. Mit Bangen sahen wir, wie ein Junge seine Einschulung verschlief und schließlich doch nicht verschlafen hatte. Welch eine Enttäuschung für mich. Ganz auf der Seite des Jungen, zitterte ich mit ihm, dass er die Schule verpaßt. Das erste, was ich lernte: Du mußt zur Schule, weil du zur Schule mußt. Die Schule war kein Scherz. Sie war kein Spaß. Auf keinen Fall für mich. Ergeben nahm ich meine Schwierigkeiten mit der Schule hin. Sechs Tage in der Woche. Mit der Freude auf den Sonntag, versuchte ich mir die Schule schmackhaft zu machen. Am Montagmorgen war mir elend zumute.

Hat uns Luise Kinderlieder vorgesungen, Kindergedichte beigebracht? Nein! Noch kannten wir Luise nicht. Glaube ich. Noch konnte ich im Herbst offiziell die Schule schwänzen. Jeden zweiten Tag trug mein Bruder Rolf meine Schuhe, um nicht jeden Tag die Schule schwänzen zu müssen. Bis Luise den regelmäßigen Besuch der Schule sicherte. Durch Kleiderspenden einer jüdischen Familie, die aus der Emigration zurück war. Schrecklich für mich, der ich die Spenden annehmen mußte. Ich, der ich für mich sein wollte. Ohne die Klassenkameraden, die mir keine Kameraden waren. Wußte nicht, was sie von mir wollten, der ich nichts von ihnen wollte. Wie ich nichts, gar nichts von der Schule wollte. Die hielt mich vom Garten fern, in dem ich sah, wie Blumen aufblühten und verblühten. In dem ich sah, wie die Blüten von Kirschen, Pflaumen, Pfirsichen den Frühlingsschnee machten, den der Regen in die Wege der Beete spülte.

Die Aula war nicht für mich da. Kamen wir in ihr zusammen, um gemeinsam zu singen, war das fürchterlicher noch als das Fußballspielen hinterm Schulhof. Ich sang nicht mit. Ich bewegte die Lippen. Ich sang, wenn, für mich. Auch schon „Auferstanden aus Ruinen“? Weiß nicht. Aber Rudi Schurickes „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“. Vermutlich auch „Im August, im August blüh´n die Rosen“. Später intonierte ich mit Inbrunst und stimmbrüchiger Stimme „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsre Schützengräben aus“. Bis der gütige Musiklehrer meine leidenschaftliche Sangeslust bremste. Für immer. Mit der Bemerkung: Ist gut, aber kein Ton gehalten! Mein Gesang mußte nicht sein. Gern hörte ich den Singenden zu.

Ist wem was geschehen, der als Pionier die Pioniere Pioniere sein ließ? Ich ließ Gott einen guten Mann sein, wenn ich auf den Religionsunterricht verzichtete wie auf die Pioniernachmittage. Es waren meine Stunden, meine Nachmittage, die ich mir nicht nehmen lassen wollte. War´s das? Ich glaube. Wie ich glaube zu wissen, dass ich nie ein Pioniertuch trug. An keinem Pioniergeburtstag. Keinem Ersten Mai. Keinem Tag der Republik. Nichtmal beim Fahnenappell am Weltfriedenstag. Am 1. September, wenn, alle Jahre wieder, das neue Schuljahr begann. In den Grundschuljahren fehlte ich meist am ersten Schultag. Einmal war´s eine Blutvergiftung, die mich ins Krankenhaus brachte. Der Dorn eines Wildtriebs einer Birne hatte sich tief in den Fußballen gebohrt. Ich, der Pionier, war kein Halstuchträger. Knotete auch nicht zwei Halstücher so geschickt zusammen, dass ich eine Dreieckbadehose gehabt hätte. Niemand zitierte mich wegen meiner Verweigerung vor den Pionierrat. Nie wurde ich zum Direktor gerufen und ermahnt. Nichts dergleichen. Habe ich wirklich nie das Pioniertuch getragen? Ich bin sicher: Ich habe! Ich stöbere im Fotoschrank und hole ein Album hervor, das untrügerisch meine Erinnerung bestätigt. Da stehe ich. So um den 13. Geburtstag. In kurzen Hosen, kurzärmligen Hemd, Kniestrümpfen. Links von der Haustür, die im oberen Teil mit einer Presspappe gesichert ist. Zehn Jahre nach dem Ende des Krieges. Ich sehe mich lächeln, wie ich meist lächelte. Nie lachend, wenn ich fotografiert wurde. Um den Hals das blaue Tuch, dessen Ecken fast das ganze Hemd verdecken. Wer hat das Foto gemacht und warum? Freund Lothar war der Fotograf. Er wollt´ mich in voller Montur. Warum auch immer. Lothar war der Aktivist, der auf Aktionen aus war. Also kamen wir nicht umhin, eine „Timur und sein Trupp“-Truppe zu bilden. Aller Tatendurstigkeit zum Trotz wurde es nichts mit der nützlichen Nachbarschafts- und Altenhilfe. Zum Nachteil der Nachbarn wurden Hühnerställe und Schuppen heimgesucht. Das rief den Abschnittsbevollmächtigen der Volkspolizei auf den Plan. Schnell erlosch der Eifer und Einsatz des Timur-Trupps. Immer zurückhaltend im zweifelhaft empfundenen Tun, zog ich es vor, für Luise einzuholen, was für sie einzuholen war. Kam ich deshalb zu spät in den Unterricht, wurde das von den Lehrern entschuldigt. Eingekauft wurde bei Huget in der Raabestraße oder bei Frau Lampbrecht in der Karl-Liebknecht-Straße. Nie nahm ich den Zettel mit. Und war immer stolz darauf, nichts vergessen zu haben. Eine Stunde vor dem Schulbeginn, auf dem Wege zur Schule, klopften wir bei Luise. Sagten nicht: Guten Morgen. Sagten: „Edel sei der Mensch/hilfreich und gut“. Goethe. Zum Frühstück gabs meist Milchsuppe und Weißbrot.

Obwohl im Konfirmationsunterricht, war ausgemacht, beim zweiten Jugendweihe-Jahrgang in der DDR dabei zu sein. Hat sich Luise an meinem braunen, einreihigen Anzug finanziell beteiligt? Unbekannt. Mit den 115,-Mark, die der Anzug kostete, waren Mutters Mittel weit überfordert. Es wird wohl Frau Jaehner, die Kollegin und Kreditgeberin, wie so oft, geholfen haben. Hatte ich den schönsten der schönen Anzüge? Hatte ich. Einen modischen Einreiher. Ausgestattet für alle Zeiten. Zumindest mit dem Jacket. Und dem Parallelo, den ich mir von den sechzig Mark leistete, die von den Nachbarn kamen. Das erste Kleidungsstück, das ich mir selbst kaufte. Luise machte wieder eine Ausnahme. Gemeinsam mit ihrem leisen, feinen Mann Martin kam sie zur Feier in unser Haus. Bei ihr zu Hause war ich nur in ihrem Hause. Ich war mir fremd am Tag der Jugendweihe. Alle waren mir fremd. Alles war mir fremd. Kein fröhlicher Tag der Tag. Nicht für mich. So habe ich mir das Erwachsenwerden, von dem so viel geredet wurde, nicht gedacht. Nicht so traurig.

Die Jugendweihe verpflichtete mich ebenso zu nichts wie die Mitgliedschaft in der Pionierorganisation. Sang- und klanglos war die bereits vor der Jugendweihe beendet. Anfang der achten Klasse wurde kollektiv von den Pionieren in die „Freie Deutsche Jugend“ gewechselt. Ohne Widerspruch. Ohne Fragen. Schweigend war´s vollzogen und geduldet. Schweigend verstieß ich sofort und absichtlich gegen die Statuten. Ich klebte keine Mitgliedsbeiträge. So war ich draußen, wo ich nie mit meinen Einverständnis drin war. Das blieb so. Auch, als ich Jahre darauf gefragt wurde, wie´s wär, ich würde die Kulturabteilung des Zentralrats der FDJ verstärken. Das bedeutete, von der Staatsbibliothek in das Haus des Zentralrats zu ziehen. Beide in Berlin: Unter den Linden. Vier Tage Zeit waren, um zu überlegen. Nach zwei Tagen sagte ich: Nein! Von niemand beraten. Nicht von Mutter. Von Luise. Von den Geschwistern oder sonst wem. Selbstentschieden war entschieden. Wie schon zuvor, wenn ich, durch mich, für mich entschied. Wie am 1. Mai 1956, als ich erstmals mein Erwachsensein probierte. Nach einem dauerhaft kühl gebliebenen Frühling, waren Bäume und Sträucher noch nackt. Der Tag war sonnig. Der Blick in den Garten ungeschützt. Ich saß im Garten, der Sonne zugewandt. Der jährliche Maizug zog durch unsere Straße. Ausgerechnet, ausgerechnet! Unsicher zwar, versteckte ich mich nicht und ließ die Demonstranten vorbeiziehen. Was wollte ich bei den Demonstranten? Ich, der ich Gruppenbildungen ebenso mied wie Ansammlungen jeder Art. Am 1. Mai 1956 wurde ich Nichtdemonstrant. 25 Jahre später feierte ich mit Freunden das Silberjubiläum. So sorgte ich für meine Freiheit im vermeintlich unfreien Land. Ich hatte meine Freiheit, die meinem Sinn vom Freisein entsprach. So war ich, wie ich sein wollte. Wie ich sein konnte, weil ich das so wollte.

Was ist mir geschehen? Weil ich kein Pioniertuch trug und auch nie ein FDJ-Hemd. Weil ich kein Transparent auf keiner Demonstration hochhielt. Weil ich keine Fahne hißte und zum Fenster hinaushängte. Nichts ist mir geschehen. Außer, dass ich mir näher und näher gekommen bin.

Ein Halstuch, ein Hemd, eine Fahne sind für mich gefärbte, zugeschnittene, genähte Stoffe. Schwierig, das Symbolische zu sehen, da ich immer zuerst den Stoff sehe. Wann, wo, wie ist Freiheit, wenn Freiheit ist? Wann, wo, wie ist sie, wenn nicht im Ich? Wenn im Ich, ist Freiheit eine Art der Abhängigkeit. Die strikteste, strapaziöseste Form der Freiheit. Sage ich. Auch mir. Weil ich mir nicht ausweichen kann. Nun wieder das zweijährige Kind mit den großen, wachen, staunenden Augen werden? In der Welt sein, ohne Wissen um die Welt? Wär´s die wahre Freiheit? Die einzige im Leben?

Ich habe nie einem Menschen seine Freiheit gestohlen und niemand die Freiheit versprochen. Ich habe keinen Menschen getötet, geschlagen, niemand vergewaltigt oder auf andere Art mißbraucht und betrogen. Ich habe keinen Menschen diffamiert oder verraten. Ich wollte nie besser sein, als Andere es sind. Ich wollte nicht enttäuschen und habe das Enttäuschen nicht verhindert und verhindern können. Genug ist Selbsttäuschung gewesen.

Ach, Luise, ach!

Bernd Heimberger


Nichthinnehmbares hinnehmen?

Oft ist mir, meist wohlwollend, vorgeworfen worden, dass ich mir nicht helfen lasse. Sei es bei schwerer körperlicher Arbeit. Sei es bei strikter organisatorischer Arbeit. Wieso die stete Verweigerung? Weil mein Vertrauen in Andere zu gering war und ist? Weil ich weiß, dass ich mir viel zumuten kann? Weil ich weiß, dass ich mir auch zuviel zumuten kann? Weil ich weiß, dass ich niemand gern zumute, was ich von mir verlange? Andere Menschen in Anspruch zu nehmen, habe ich immer als Anmaßung empfunden. Ich empfinde noch immer so. Vielleicht, weil ich mir ungern Enttäuschungen bereite? Es ist so!
Das bedeutet durchaus nicht, dass ich mir generell nicht helfen lasse. Ich bin denen dankbar, die sich in Anspruch nehmen lassen, die mein Tun durch ihr Mittun begleiten und anstacheln. Mir ist das gemeinschaftliche Tun wichtig und angenehm. Meine Zurückhaltung gegenüber möglichen Helfern formulierte ich bereits als Zwanzigjähriger im Tagebuch: „ Die einzige Konsequenz der Menschen ist ihre Inkonsequenz.“ Das könnte ich auch heute noch genau so schreiben. Weshalb diese hinderliche Skepsis? Seit wann diese pessimistische Skepsis? Hat das mit einem inneren Mißtrauen zu tun? Mit den historisch-gesellschaftlichen Ereignissen, die mit dem Datum 13. August 1961 deutlich genug umrissen sind? Mit einem Ereignis, das mich erschreckte. Das Erschrecken löste ein dauerndes Entsetzen aus.
Die Tage im August mauerten meine Jugend ein. Zu Besuch in Dänemark, entschied ich am Abend des Dreizehnten, nicht in die DDR zurückzufahren. Voller Sorgen, auch Ängsten, mit den zwiespältigsten Gefühlen stand ich eine Woche später auf den Planken der Fähre „Danmark“, die auf dem Weg von Gedser nach Warnemünde war. So bitter die Rückkehr war, es gab triftige familiäre Gründe, nach Hause zu fahren. Habe ich das bereut? Ja, in manchen Sekunden meines Lebens. Nie auch nur eine Stunde.
In die geschlossene DDR zu kommen bedeutete, sich freiwillig im Knast zu melden. Ich war uneins mit mir. Ich fürchtete die Folgen. Ich litt und litt darunter, nicht mehr nach West-Berlin zu kommen, wo mein Vater lebte. Ich wohnte zwar in Blankenfelde und ging hier in die Schule. Aber West-Berlin war mein zu Hause. Im symbolischen wie konkreten Sinne. Mein Berlin war West-Berlin. Der Osten der Stadt war ein „unbekanntes Land“. Im Westen der Stadt durchforstete ich die Bibliotheken, war ich ständig in den Veranstaltungen der Urania und Universitäten, besuchte ich Konzerte und Theater. Manchmal war ich, bis zu dreimal an einem Tag, in den Kinos am Potsdamer Platz oder rund um den Zoo. In West-Berlin besorgte ich mir den „Spiegel“ und die „Star-Revue“. Verwandte und Berliner Freunde lebten im Westteil der Stadt.
Meine Lebens-Erlebnis-Welt hieß also West-Berlin. Plötzlich war die, nicht unerwartet, eine verlorene Welt. Sie war Vergangenheit. Die Zukunft, die ein Germanistikstudium an der Freien Universität hätte sein können, war verloren.
Alle vermeintlichen Gewißheiten waren flöten. Wie das Nichthinnehmbare hinnehmen? Hinnehmen, nur hinnehmen, entsprach nicht meiner Mentalität. Nie! Ich mußte, wie stets, etwas tun. Im Selbsttun habe ich immer einen Ausweg gesehen, um aus einer sinnlosen Situation in eine sinnvolle zu kommen. Nach dem tristen, trostlosen Winter 1961/62 meldete ich mich in der Blankenfelder Gemeindeverwaltung, die ihren Sitz in einem der GAGFAH-Reihenhäuser an der Ecke Erich-Klausener-, Eichendorffstraße hatte. In der Kulturabteilung saßen die mir nicht unbekannte Regina Koßmala  (1919-1987) und eine junge Frau namens Irene Hansen. Mir im Alter näher und eine umgängliche Mitarbeiterin. Sie begeisterte sich sofort für meine Idee, einen Klub der Intelligenz oder Kulturklub zu gründen. Wir nannten ihn schließlich „Ortsklub“. Hansen und Heimberger waren sich einig, das die Westberliner Kulturwelt durch nichts zu ersetzen war. Ebenso waren wir uns einig, dass wir einiges für ein lebhaftes kulturelles Leben in der Kommune tun können. So fing das an mit meiner gesellschaftlichen Arbeit in der Gemeinde, die wir heute ehrenamtliches Engagement nennen. So! Im Spätwinter 1962. Vor 50 Jahren also!

Bernd Heimberger

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3 Responses to 29.04.2012: Bernd Heimberger wird 70

  1. Matthias Stefke
    29. April 2012 at 08:33

    Heute feiert eine herausragende Persönlichkeit unserer Gemeinde ihren
    70.Geburtstag.
     
    Es ist Bernd Heimberger, der Vorsitzende des Kulturvereins von Blankenfelde und Fraktionsvorsitzende der Fraktion BürgerBündnis Blankenfelde-Mahlow in der Gemeindevertretung.
    Bernd Heimberger ist ein Kulturschaffender und Kommunalpolitiker, der jahrzehntelang für seinen Heimatort Blankenfelde, für seine Gemeinde Blankenfelde, die später aufgegangen ist in der Großgemeinde Blankenfelde-Mahlow sowie für den Landkreis Teltow-Fläming und seine Bürger/innen aber auch weit darüberhinaus unermüdlich wirkt.
    Sein Einsatz gilt vehement der Einbeziehung der Bürger/innen bei Entscheidungen von Politik und Verwaltung, die sie selbst betreffen und ist darauf angelegt, durch Kultur unterschiedlichster Art eine Atmosphäre zu schaffen, in der die, für die auch er Entscheidungen zu treffen hat, sich heimisch und wohl fühlen können.
    Dabei habe ich Bernd Heimberger stets als kompromissbereiten Menschen erlebt. Er geht aber auch einem Meinungsstreit nicht aus dem Weg, wenn es der Sache wegen sein muss.
    Er ist ein Bürger unter uns, der nicht nur das Recht der persönlichen Freiheit lebt sondern auch das Recht auf freie Meinungsäußerung jedes Einzelnen und damit letztlich die Freiheit der Gesellschaft insgesamt verteidigt.
    Denn ohne individuelle Freiheit ist das Leben nicht lebenswert!
    Seine geradlinige Haltung macht ihn „unbequem“, nicht selten tritt er Andersdenkenden deshalb auch einmal auf die Füße. Vielleicht ist es gerade das, was mir an ihm gefällt, denn „Linientreue“ und Gewählte, die ohne nachzudenken Beschlüsse durchwinken, gibt es leider in unserer Gesellschaft genug, auch hier in Blankenfelde-Mahlow.
    Mit dem Kulturverein hat Bernd Heimberger gezeigt, wie durch ehrenamtliches Engagement Vorzeigbares geschaffen werden kann, was von Verwaltung und durch Administration in unserer Gemeinde über Jahre nicht geschaffen worden ist, gerade nicht von dieser Verwaltungsspitze.
    Blankenfelde-Mahlow darf sich glücklich schätzen einen wie Bernd Heimberger in seiner Mitte zu haben und hat ihm für sein Wirken Wertschätzung und Hochachtung entgegenzubringen.
    Persönlich wie auch für die Fraktion BVBB-WG wünsche ich Ihnen, lieber Bernd Heimberger Gesundheit und noch lange einen klaren Verstand. Der ist angesichts der politischen Verhältnisse und der mangelnden politischen Kultur in unserer Gemeinde nötiger denn je.
    Wenn es darum geht, Ehrabschneidungen, übler Nachrede und perönlicher Verleumdung entgegenzutreten dürfen Sie mich an Ihrer Seite wissen.
    Ihr
    Matthias Stefke

  2. Ferdi Breidbach
    29. April 2012 at 08:54

    Lieber Herr Heimberger,
    Sie haben Ihren 70. Geburtstag! Welch eine Freude für Sie, Ihre Angehörigen und Ihre Freunde.Jetzt steht das nächste Lebensjahrzehnt auch für Ihren Einsatz für die Allgenmeinheit, als Gemeindevertreter, vor Ihnen. Weil ich immer den Menschen dankbar bin die selbstlos Aufgaben und Mühen übernehmen um zu helfen, damit sich auch eine Gemeinde kulturell entwickelt, von Herzen mein Wunsch: Bleiben  Sie gesund. behalten Sie sich Freude auch im "politischen Geschäft". Ich denke nur immer daran, wie es um die Gemeinde bestellt wäre, wenn es 30 Heimbergers gäbe. Weil dies nicht so ist, ist Ihre Stimme, Ihre Arbeit so besonders  wichtig!
    Danke für Alles was Sie im Interesse Ihrer Mitmenschen geleistet haben.
    Gruß
    Ihr
    Ferdi Breidbach

  3. Matthias Adrian
    3. Mai 2012 at 08:02

    Sehr geehrter Herr Heimberger,
    ich konnte den von Ihnen eingestellten Artikel leider erst heute lesen.
    Dieser Artikel hat mich sehr berührt, und wieder einmal gezeigt: die Freiheit, in welcher Form auch immer, ist das kostbarste Gut, das wir haben können !!!
    Alles Gute nachträglich zum Geburtstag. Und : danke dafür !!
    Matthias Adrian

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