Als ich vor einiger Zeit meine vierjährige Tochter aus ihrem Blankenfelder Kindergarten abholte, erzählte sie ganz aufgeregt, "wir hatten Stromausfall. Die Köchin konnte kein Mittag machen, es gab Stullen".
Am nächsten Tag klärte sich der Vorfall. Die neu eingebauten Lüfter, welche ab Inbetriebnahme des Großflughafens in Schönefeld geöffnete Fenster ersetzen sollen, waren das erste Mal eingeschaltet worden. Vier dieser ca. ein Kubikmeter großen Schränke stehen in den Räumen der Kita. Als die Köchin dann noch den Herd einschaltete, kam die Hauptsicherung.
Ich begann zu rechnen. Der Lastschalter verträgt eine Stromstärke von 63 Ampere, der Herd zieht maximal 25. Ein wenig Licht und Kühlschrank abgerechnet, kam ich auf stolze acht Kilowatt Leistung für die Lüfter. Ein Plus auf der Stromrechnung von ca. 5000 € pro Jahr. Wer zahlt die wohl? Die Flughafengesellschaft jedenfalls nicht. Die ist auch für die Wartung der Monstren nicht zuständig. Das war eine dieser Fragen, die immer bei mir auftauchen, wenn es um den Flughafen geht.
Zu wenig Kinder
Das ganze Theater macht doch nur Ihr Zugezogenen, sagte mir ein Einheimischer. Erst hier ein Haus kaufen, und dann nur seine Ruhe haben wollen. Ich nahm das Argument durchaus ernst. Von Emotionen wollte ich mich nicht beirren lassen. Ich hielt mich wieder an Zahlen. Blankenfelde-Mahlow hat 25.564 Einwohner. Davon sind nur 2901 unter 18 Jahren. Es gibt also viel mehr alte als junge Leute hier. Und die meisten Familien mit zwei und mehr Kindern leben in den neu gebauten Siedlungsvierteln, sind also Zugezogene. Ohne diese sähe die Alterspyramide noch alarmierender aus.
Diese Zugezogenen, meist gut verdienende Pendler, viele mit Hochschulabschluß, tragen mit ihren Steuern und Abgaben viel zum sozialen Niveau der Gemeinde bei.
Was ist, wenn sie wegziehen? Leere Fensterhöhlen wie in Zossen? Schwindender Bedarf für Gymnasium und Musikschule? Lieber noch zwei weitere Getränkemärkte? An immer mehr Zäunen hängt das Verkaufsangebot eines Maklers.
Der kleine Unterschied
Warum eigentlich lief der Widerstand gegen den Mammut-Airport so zäh und anfangs merkwürdig erfolgsarm an? Immerhin konnte in Brandenburg schon die Protestbewegung einer Region den Bombenabwurfplatz in der Ruppiner Heide verhindern. Die Anwohner dort setzten sich mit Massenprotesten, Sammelklagen und zivilem Ungehorsam gegen Bundesregierung und Nato durch. Über die vielfältigen Aktionen berichtete ich damals für einen regionalen Fernsehsender.
Was war der Unterschied? Hier wie dort wurden den Leuten Arbeitsplätze versprochen.
Nur hat es in Wittstock, Rheinsberg und Neuruppin keiner geglaubt. Hier scheinen sich viele auf ein paar Billigjobs zu freuen. Sicher, Wachschutz und Catering werden einige Leute einstellen. Darüber freuen sich die Lobbyisten von Securitas in der Gemeinde. Die qualifizierten Arbeitsplätze sind durch den Umzug der Belegschaft von Tegel und Tempelhof schon vergeben.
Noch ein wichtiger Unterschied ist das Format der Lokalpolitiker. Landrat Christian Gilde ließ an seiner Ablehnung des Bombodroms von Anfang an keinen Zweifel. Vor seiner Intellektualität sahen selbst politische Größen wie Peter Struck nicht gut aus.
Anders Bürgermeister Ortwin Baier. Er beschimpfte bei einer Kundgebung in Potsdam publikumswirksam und mit sehr schlichter Wortwahl den Vorstand der Flughafengesellschaft per Megafon, scheint aber sonst wunderbar mit Herrn Schwarz zu harmonieren. Ein Gemeinderatsbeschluss gegen den BBI wurde durch die gewohnte Einheitsfront von Baiers SPD, Linken und CDU in namentlicher Abstimmung verhindert.
Auch die Aktionen der "Freien Heide" waren anders. Großdemonstrationen sind zwar eindrucksvoll, aber kleinere Aktionen brachten in der Masse genauso viel. Besetzungen von Gebäuden, organisierte Wanderungen im Sperrgebiet, Kampfjet-Geheule aus dem
Lautsprecher vor dem Haus der verantwortlichen Politiker, Störung von Wahlveranstaltungen.
Die Organisatoren der vorjährigen Großdemos in Schönefeld waren ganz stolz darauf, dass die Sitzblockade der B 96 nach 10 Minuten diszipliniert beendet wurde. Ein gewisser Wladimir Uljanow spottete Anfang des vorigen Jahrhunderts, wenn die Deutschen einen Bahnhof besetzten, würden sie zuvor eine Bahnsteigkarte lösen.
20 Jahre verschlafen
Das Werbeblättchen „Blickpunkt“ titelte vorigen Herbst: noch 280 Tage Ruhe. Hat denn die Redakteurin die letzten 20 Jahren verschlafen? Nacht für Nacht dröhnen die Jets von Billig-Airlines über unsere Köpfe. Alle Politiker sind nur gegen Mauer und Schießbefehl. Aber die Nachtfluggenehmigung für Schönefeld wurde genau so undemokratisch von der DDR erteilt. Jede Gegenwehr hätte im Stasi-Keller enden können.
Hoffentlich gehen die Flugrouten an uns vorbei, sagte meine Friseuse aus Lichtenrade neulich. Den meisten scheint gar nicht klar zu sein, das solche Festlegungen von heute auf Morgen geändert werden können. Immerhin haben ja viele begriffen, dass Fluglärm gesundheitsschädlich ist.
Aber was ist mit dem krebserregenden Feinstaub aus den Abgasen? Was mit dem giftigen Kerosin, was auf uns nieder regnet? Wenn ein Airbus A 380 mal umkehren muss, sind das schon mal 150 Tonnen Treibstoff, die er ablässt, um sein Landegewicht zu reduzieren.
Während mir diese vielen Fragen durch den Kopf gingen, bin ich mit meiner größeren Tochter an der Musikschule Blankenfelde angekommen. Die Dozentin hat trotz tropischer Temperaturen das Fenster zugemacht. Sonst kann sie die leisen Stellen in dem Klavierstück nicht hören, denn gerade dröhnt wieder ein Jet vorbei.
Magnus Muschiol



Sehr geehrter Herr Muschiol,
Sie haben den "Nagel auf den Kopf getroffen". In jedem Fall freut es mich in Klaerwerk blog lesen zu können was die MAZ Zossen systematisch verschweigt und sich daran beteiligt ihre eigenen Leser dumm zu halten. Dies betrifft nicht nur den Sumpf um den BER der von der Nationalen Front der Gemeindevetreter (SPD,CDU, Grüne,Linke) ständig feucht gehalten wird. Ebenso schlimm ist die Tatsache nach der die Gemeindebürger über den unglaublichen Skandal, die laufenden Ermittlungen gegen BGM Baier, seinen Stellvertreter Sonntag und CDU Bohmke nicht informiert werden. Drei Durchsungen der Gemeindebüros durch die Staatsanwaltschaft, neben den seit 2 Jahren laufenden Ermittlungen, werden einfach in die Schweigespirale gesteckt.
Wie eine Gemeindevertretung aus diesenen Tatsachen keine Schlüsse zieht, die von Ermittlungen Betroffenen so tun als hätten sie nichts getan, dass kann man nur in Blankenfelde Mahlow erleben. Weder die KIopfnicker in der Gemeindevertretung, noch die MAZ, wollen gemerkt haben, dass die gesamte Planung um den Rathausneubau nicht mehr aus dem Sumpf von Unfähigkeit, sicher auch kriminellen Methoden, heraus kommt. Bald wird man hören: Alles nicht so schlimm, dann fangen wir eben von Vorne an. Geld des Steuerzahlers für den schon angerichteten Schaden ist vorhanden.Schuld haben nur böse Geister die wir nicht gesehen haben. Darum müssen wir aus unserer Blindheit auch keine Konsequenzen ziehen und weiter im Amt bleiben.
Was mit den Kindern in Horten, KITAS und Schulen geschieht, wenn sie entwürdigt, krank machend, künstlich belüftet und befeuchtet werden hat diese politischen Versager doch nie interessiert. Sie schwätzen von Lärmschutz und klatschen auch noch Beifall wenn im Tagschutzgebiet neue Kitas gebaut werden. Das diese Lärmschutz - Krücke praktisch in keiner Einrichtung funktioniert, auch in allen Einrichtungen vor den nächsten 2 Jahren nicht eingebaut ist, gehört ebenfalls zur Schweigespirale.
Ferdi Breidbach
Sehr geehrter Herr Muschiol,
ich möchte auf ihre Frage eingehen: “Warum eigentlich lief der Widerstand gegen den Mammut-Airport so zäh und anfangs merkwürdig erfolgsarm an?”
Ihre Erklärungsversuche finde ich nicht gelungen.
“[...]Immerhin konnte in Brandenburg schon die Protestbewegung einer Region den Bombenabwurfplatz in der Ruppiner Heide verhindern.[...]”
Sie vergleichen hier Äpfel mit Birnen, nämlich (hauptsächliche zivile) Luftfahrt und militärische Luftfahrt bzw. Kriegsspiele. Ersteres ist für mich weniger verwerflich als letzteres.
“[...]Was war der Unterschied? Hier wie dort wurden den Leuten Arbeitsplätze versprochen.
Nur hat es in Wittstock, Rheinsberg und Neuruppin keiner geglaubt. Hier scheinen sich viele auf ein paar Billigjobs zu freuen.[...]”
Dies trifft in meinem Fall nicht zu und ich kenne auch niemanden der auf einen Job am Flughafen gehofft hat. Allerdings kenne ich einige Leute aus der Region die im Bereich Luftfahrt gearbeitet haben oder noch arbeiten. Ich persönlich war also dem Flughafenausbau gegenüber erstmal positiv eingestellt, weil ich es nicht besser wusste. Der BVBB wirkte auf mich immer mehr aggressiv und aufdringlich als aufklärend. Ich bin eigentlich empfänglich für sachliche Informationen, aber bei Veranstaltung des BVBB war ich immer skeptisch und hab diese nur unabsichtlich und kurz besucht. Das gehörte und gesehene hat mich viele Jahre nicht umgestimmt, weil ich im Grunde nichts konkretes gesehen oder gehört habe außer hetzende Menschen. Am Ende war es mehr Zufall, dass ich ein Eindruck davon bekommen habe, was alles falsch läuft beim Flughafenausbau.
Klaerwerk-Blog macht es richtig, indem sie sich nicht von einer Gruppe vereinnahmen lassen und jedem ein Forum geben.