Tagebuch als Therapie

20. Juli 2012
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Wäre die DDR-Literatur, wie die DDR-Literaten sind, wäre die DDR-Literatur nicht, wie die DDR-Literatur ist. Den Satz schrieb ich nicht mit jugendlichem Übermut. Ich kannte meine Pappenheimer. Die antworten meist vergnügt und manchmal zornig. Auch Erwin Strittmatter antwortete. Zu sagen, er äußerte sich euphorisch, wäre übertrieben. Der Pferdeliebhaber und -züchter schrieb eine Karte. Sie zeigte ihn auf hohem Roß. Eher ängstlich dreinschauend, saß er auf einem Elefanten. 
Erwin Strittmatter riskierte Einiges. Manches probierte er und nahm Vieles in Kauf. Wenn ihm etwas allzu unerträglich wurde, gar zuwider, setzte er sich in seine Schreibklause und sprach sich aus: Im Tagebuch! Rechtzeitig vor dem 100. Geburtstag des Schriftstellers veröffentlichte der Aufbau-Verlag „Nachrichten aus meinem Leben“: Eine Sammlung „Aus den Tagebüchern 1954 – 1973“. Ist Skepsis angebracht und angemessen? Was bedeutet „Aus den Tagebüchern“? Es ist offensichtlich, dass nicht zögerlich gestrichen wurde. Zu recht, wie das Ausgedruckte vermuten läßt. Das Tagebuch war dem Selbstbetrachter wichtig für die alltäglichsten Notizen. Die kommen in der Veröffentlichung ohnehin nicht zu kurz. So wird genug bekannt zur persönlichen Biographie des Mannes, seines schwierigen Lebens in der Familie und erst recht in der Gesellschaft, die die DDR war.

Erwin Strittmatters Tagebuchaufzeichnungen zu lesen heißt, die publizierten Tagebücher von Brigitte Reimann und Einar Schleef im Sinn zu haben. So subjektiv, individuell die Selbstzeugnisse auch sind, es eint sie ihre Ernsthaftigkeit. Die wird am striktesten in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft artikuliert. Es sind Fragen und nochmals Fragen, denen die Drei nicht ausweichen konnten und wollten. Wer eine Biographie des wirklichen Seins in der DDR lesen will, ist gut beraten, wenn er die Tagebücher  von Reimann, Schleef und nun auch Strittmatter liest. Der Älteste, Erwin Strittmatter (1912-1994), ist oft ein Zurückhaltender. Wer wissen will, was der Zeitgenosse zu den Zeitereignissen – 13. August 1961, Kennedy-Mord (1962), 11. Plenum des Zentralkomitees der SED (1965), Einmarsch der Staaten des Warschauer Vertrages in die Tschechoslowakei (1968) -zu sagen hatte, wird enttäuscht. Um Strittmatter zu verstehen, darf aus dem Ausgewählten nicht ausgewählt werden. Es ist der Chronologie der Eintragungen zu folgen.

Für den hoffnungsvollen Mann des Jahrgangs 1912, der den Mißbrauch der Erdenmenschen in der Naziära miterlebte und erlitt, war der XX. Parteitag der KPdSU (1956) die folgenreichste Nachkriegserfahrung, die ihn jahrelang beschäftigte und schließlich desillusionierte. Er kann nicht mehr notieren: „Es bedrückt mich“, wenn ihm täglich empfundener Widersinn widerfährt. Stets wehrte er sich gegen „Politbüro-Phrasen“. Das Fazit des Teilnehmers eines SED-Parteitages ist: „Die ganze Parteitag-Liturgie fand ich kurios“. Bereits 1964 ist für Strittmatter gewiß: „Der politische Optimismus ist dahin“. Das ist dem Tagebuchschreiber vorbehaltlos zu glauben, der mitteilt, wann er sich warum und wie verweigerte. Zum Beispiel Mitglied des Zentralkomitees der Partei oder Präsident des Schriftstellerverbandes zu werden. In sich verabschiedet sich der Schriftsteller von der Partei und vertritt und verteidigt so seine Position als Prosaist.
Nicht vordergründig, sind die Eintragungen zur Werkgeschichte doch ein wesentlicher Teil des Tagebuchs. Unausbleiblich also die Schmerzen des Schreibers, die das Schicksal eines Schriftstellers sind. Der schmerzlichste Schmerz des Erwin Strittmatters wäre gewesen, nicht schreiben zu können. Tagein, tagaus. Die Konsequenz des Schreibens: Die vielfachen Konflikte. Die Selbstzweifel, die den Erzähler unleidlich werden ließen. Für sich und die Familie. Die bedrückenden Anstrengungen und Auseinandersetzungen werden nicht ausgespart. Jene, die es dem Erzähler nicht leicht machten, seine Frau Eva als Dichterin neben sich zu sehen und schließlich „mein zweites Ich“ zu nennen. So einsichtig und versöhnlich sich Strittmatter auch allen privat-familiären Streitereien zeigt, weniger versöhnlich ist, wenn er über die Kollegenschaft klagt.
„Warum“, fragt sich der Älterwerdende, „lerne ich die Dinge nicht bis zum Herz vorzulassen?“ Er stellt fest. Das Tagebuch ist Therapie, damit Herz und Hirn in Einklang bleiben. Allen persönlichen, beruflichen, gesellschaftlichen Nöten und Nötigungen zum Trotz. Wenn es sein muß, schreibt sich Strittmatter Rechtfertigungen zurecht. So wie sich jeder Rechtfertigungen zurechtlegt. Egal, in welcher Lebenssituation! Egal, in welcher Gesellschaft!
In der Summe sind die Tagebuchnotizen Erwin Strittmatters nicht die eines Menschen, der eine Revolte riskierte. Es sind die Bekundungen und Bekenntnisse eines Menschen, der nicht gegen die DDR lebte. Die Eintragungen sind also auch das Fazit dessen, was die DDR aus dem Menschen machte, der die DDR machte. Mit allen erdenklichen Ansprüchen und Widersprüchen. Mit dem Ergebnis: Siehe oben!

Erwin Strittmatter: Nachrichten aus meinem Leben.
Aus den Tagebüchern 1954 – 1973. Hrg. von Almut Giesecke. Aufbau Verlag: Berlin 2012. 602 Seiten, Geb., 24,99 Euro, ISBN 978-3-351-02292-7

Bernd Heimberger

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