Marke Mick

10. Oktober 2012
Von

Rein zufällig, nicht wahr, hat das Mick Jagger-Porträt etwas von der Pose des „Denker“ von August Rodin? Das Porträt prangt vorteilhaft auf dem Umschlag der neuesten Mick Jagger-Biographie. Und dann, vor jedem Kapitel, durch das ganze Buch hindurch. Ein Jungengesicht trotzt der Kantigkeit des Alterns, das verschmitzt weggelächelt wird. Gewinnend. Werbewirksam. 

Nicht nur Jagger kann sich gut verkaufen und den Gewinn zusammenhalten. Mit der Marke Mick Jagger kann man ordentlich Schmott machen.
Getan hats auch Philip Norman. Seit Jahrzehnten auf den Pfaden der internationalen Pop-Szene, saugte er Honig, wo Honig zu saugen ist. Er hat sich an die Größen der Beatles und Stones gehalten und ist selbst zu einer Koryphäe aufgestiegen. Er hat seine Bewunderung als Autor einer opulenten Lennon-Biographie. Der Publizist macht das Massenphänomän PoP nicht nur den Massen schmackhaft. Er macht es hoffähig. Wörtlich! Kaum ist Jagger zum Ritter geschlagen, nennt Norman ihn fortan Sir Mick. Das klingt gleichermaßen devot wie anzüglich. Mit dem Sirr Mick läßt der Autor die Sonne scheinen, die er umkreist, ohne zu verbrennen.

Philipp Normans Persönlichkeits-Porträt ist von Anbeginn ein persönliches Porträt für jedermnann. Es ist nicht das eines Intellektuellen für Intelektuelle. Nicht das Porträt, das BILD-Leser überfordert, doch das Niveau einer Kolumne des Blattes hat. Kurzum: Das Opus des Weltvolkshelden ist für die Welt gedacht und ausgeführt. Die große Vertrautheit des Verfassers zum Musiker  und Menschen Jagger ist nicht peinlich. Gewahrt wird die nötig Distanz, damit die Leser der wohlwollenden Dichtung-und Wahrheit-Biographie ohne Skepsis vertrauen können. Wer gut im Glauben ist, darf selig schwelgen. Das Gefühl stellt sich ein, alles über Mick Jagger zu wissen. Auch das, was man gar nicht wissen will und muß. Also die tausend Nebensächlichkeiten und Nichtigkeiten, die reine Nebensache sind. Es wird an der Oberfläche gekratzt. Das, was wie Gold glänzt, ist häufig nur ein Bronzeanstrich. Farben werden gewechselt wie ein Chamäleon die Farben wechselt. Ist das eine der Wahrheiten des Mick Jagger, dass er ein Chamäleon ist?
Einige Gewissheiten und Ungewissheiten bleiben den Lesern gewiß im Gedächtnis. Das sind: Die Gier und der Geschlechtstrieb. An sich müssen die nicht interessieren, würden entsprechende Schilderungen nicht die interessantesten Seiten des Buches füllen. Halbgewißheit wird die Besessenheit des Mannes im Beruf, der den Alternden nicht in den Ruhestand entläßt. Da muß wenig behauptet werden. Das ist belegt, weil es das Lebenswerk des Mick Jaggers ist. Er wurde zum Star der Rolling Stones, weil…, weil…, weil…. Der Junge hat die Lippen, das Lächeln, die Lustigkeit und Lässigkeit und List, ohne die ein Geschäft in der Musikerbranche kaum möglich wäre.
Mick Jagger machte das Unternehmen Rolling Stones zu einem einzigartigen, erfolgreichen wie lukrativen Unternehmen. er hatte die Kraft dazu, da er ein ausgeprägter Ich-Ich-Ich-Mensch ist. Dass der Biograph das nicht zu kaschieren versucht, macht den Menschen in seiner Menschlichkeit erkennbar. Warum sollte das, in drei Gottesnamen, auch nicht so sein? Das ist doch sympathisch!
Marianne Faithfull, die kluge, gefühlvolle wie verständnisvolle Schauspielerin und Sängerin, die zeitweilige Lebensgefährtin von Jagger, hat in ihm zuerst und zunächst „einen frechen, kleinen Lümmel“ gesehen. Ein erster, bleibender Eindruck, der in der Folge durch vielerlei Einsichten und Erkenntnisse erweitert wurde. Das im Sinn, ist Faithfull auch ernst zu nehmen, die Mick Jagger als Bisexuell sieht. So ist Klarheit geschaffen. So sind die halbverschleierten Aussagen zu dem Vater von sieben Kindern korrigiert. „Die Biographie“ ist nicht dazu da, weitere, neue Gerüchte zu verbreiten. Das wäre das Ungenießbare. „Welcher Mensch wirklich hinter der Jagger-Maske steckt, lässt sich am ehesten seiner sieben Kinder von vier verschiedenen Frauen beurteilen“, sagt Philipp Norman. Und er stimmt ein Hohelied auf seinen ganz und gar nicht makellosen Helden an. Das heilige Loblied auf den Menschen Mick Jagger kann sich der Autor verkneifen, weil er sich auf das Kleine und Kleinliche des Lebens von Mick Jagger einläßt.

Bernd Heimberger

 


Philip Norman: Mick Jagger. Die Biographie. Aus dem Engl. von Gabriele Gockel, Sonja Schumacher, Maria Zybak. Droemer Verlag. München 2012. 720 Seiten. Geb. 24,99 Euro, ISBN 978-3-426-27543-9

 

Print Friendly, PDF & Email

Artikel zum Thema

Tags: ,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.