Westentaschen-LTI im Lokalblättchen

10. April 2013
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Lingua tertii imperii nannte der aus Dresden stammende Philologe Victor Klemperer (1881-1960) sein wichtigstes Werk, in welchem er seine Beobachtungen des Sprachverfalls unter den Nazis verarbeitete. Dieses Werk hatte sogar Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm gelesen. Dieser zitierte sinngemäß in einem Aufsatz:

  • "Schon immer war es ein Kennzeichen totalitärer Diktaturen, dass die Umwälzung der Verhältnisse auch durch eine rigorose Sprachnormierung durchgesetzt werden sollte. Daher wäre es fatal, diese Bewegung mit einem Schmunzeln und einem Achselzucken abzutun.“ (Der Selbständige, 9/10 2008)

Dieser sprachliche Verfall ist nicht auf Diktaturen beschränkt. Die bewusste, demagogische Verformung der Sprache wird immer, wo man es ihnen gestattet, von bestimmten Interessengruppen benutzt, wenn politische Gegner diskreditiert und eigenes Handeln unangreifbar gemacht werden soll. Fündig wird man heutzutage in der Lokalpresse. So kann dem Leser bei aufmerksamer Lektüre des „Blickpunktes“ schon einmal der sonntägliche Kaffee hochkommen.
Sicher erwartet man in einem Reklameblättchen keine publizistischen Kostbarkeiten. Der Verleger ist meist schon zufrieden, wenn wenigstens die Schlagzeilen ohne orthographische Fehler sind. Die Veröffentlichung eines Kommentars von Helmut Zwanzig (Seite 2) aus Ludwigsfelde, Karl-Liebknecht-Str. 1, Mitglied der Vereinten Fraktion der Stadtverordnetenversammlung, verwundert aber schon. Zwanzig darf hier, eine Woche vor der Landratswahl, an hervorgehobener Stelle denjenigen, der die Vorteilsnahme von Frank Gerhard aufdeckte, als Denunzianten beschimpfen. Ein sprachliches Bild, das Heimtücke assoziiert. Ein Verräter schwärzt einen unbescholtenen Bürger an, damit er verhaftet würde.

Eine anonyme Strafanzeige ist nichts Ehrenrühriges. Gerade bei Korruptionsstraftaten dient diese in der StPO verankerte Möglichkeit dazu, Nachteile für abhängig Beschäftigte zu vermeiden oder deren Sicherheit zu gewährleisten.
Derart demagogische Veröffentlichungen haben System. In unangenehmer Erinnerung ist noch die diffamierende Darstellung des Blankenfelder Bürgermeister-Kandidaten Matthias Stefke durch einen Brief von Kalinka, Krüger, Richter u.a. einen Tag vor der Wahl. (S.2)

In Fortsetzung von Klemperers LTI nahm der in Erfurt geborene Reinhard Lettau, der lange Jahre eine Professur an der San Diego University in Kalifornien hatte, die amerikanische Presse unter die Lupe. Sein Werk, in dem er entlarvende Passagen aus Hunderten Veröffentlichungen sammelte, nannte er „Täglicher Faschismus“ (1971). Sprachlich weniger schlicht, aber nicht weniger besorgniserregend als Zwanzigs Kommentar, eine Fundstelle Lettaus im Time-Magazin, passend zum Thema:

  • „Protest ist, vom Inhalt betrachtet, generell negativ. Er bietet keine konstruktiven Alternativen und trägt nicht zu einer klärenden Atmosphäre bei, in der positive Antworten formuliert werden können“
    (Spiro Agnew, Vizepräsident Nixons, über gegen den Vietnamkrieg protestierende Studenten).

Ganz ähnlich liest sich das Interview, welches Stichwortgeberin Jutta Abromeit mit Frank Gerhard in der MAZ am 6.April führte (Der Ludwigsfelder Bürgermeister Frank Gerhard verrät im MAZ-Gespräch, wie eine anonyme Anzeige
sein Leben ändert
). Es ist bedauerlich, wenn sich Lokalredakteure vom Blickpunkt oder der Zossener Rundschau in einem solchen Kontext wiederfinden müssen. Haben sie das nötig?

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One Response to Westentaschen-LTI im Lokalblättchen

  1. Joachim B.
    12. April 2013 at 13:02

    Eigentlich schade, dass für den Deutschen Presserat Umsonst-Zeitungen nicht zu existieren scheinen. Anderen (außer dem SPD-Zentralorgan MAZ), hätte dieser Kommentar, wie er im Blickpunkt zu sehen war, eine Rüge eingebracht.

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