Versagen des Schulträgers oder vorauseilender Gehorsam? Eine Anfrage zur Bildungspolitik in Blankenfelde-Mahlow

4. April 2014
Von

Bildungsministerin Martina Münch (SPD) legte schon im März 2013 eines ihrer „Lieblingsprojekte“, die sogenannte Inklusion an Schulen, auf Eis. Sowohl Ihr Koalitionspartner Linke als auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft lief Sturm dagegen. Nicht zu reden vom Widerstand der Elternvereine.

Trotzdem macht die Wilhelm-Busch-Schule mit ihrem Träger, der Gemeinde Blankenfelde-Mahlow, dieses Projekt zu ihrem Anliegen. Obwohl es angeblich nur ein Modellversuch sein sollte, wurde von der Schulkonferenz am 18. März ein neues Schulprogramm beschlossen, welches die Inklusion als Unterrichtsphilosohie und Schulziel festschreibt.

Zu diesem Thema gab es in der Gemeindeversammlung am 20. März eine Anfrage von Magnus Muschiol. Er fragte, warum der Schulträger in der Schulkonferenz nicht diesem neuen Schulprogramm widersprochen habe.

Denn nach der Definition des Schulministeriums bedeute Inklusion die Integration von Schülern mit Behinderung oder einer Lernschwäche in den Regelschulbetrieb.

Dafür ist aber die Wilhelm-Busch-Schule denkbar ungeeignet. Es gibt weder barrierefreie Zugänge noch einen Lift. Auch behindertengerechte Toiletten sind Fehlanzeige. Im Gegenteil, der katastrophale Zustand der Sanitäranlagen ist seit Jahren Diskussionsgegenstand. So blieb auch die Schulleiterin Bärbel Granzow bei ihrer persönlichen Definition von Inklusion etwas diffus. Sie wolle sich vor allem auf  verhaltensauffällige und sozial gestörte Kinder konzentrieren.

Hauptargument der Schulleiterin für die Beteiligung an dem sogenannten Modellversuch war nach ihrer eigenen Aussage die Garantie, nicht mehr als 25 Schüler pro Klasse zu bekommen. Vergleicht man das mit der gewohnten durchschnittlichen Klassenstärke an der Wilhelm-Busch-Schule von 28, wird diese Begründung fragwürdig. Auch die zusätzliche Einstellung von Sonderschulpädagoginnen nützt den normalen Schülern herzlich wenig. Denn diese sind für den Umgang mit Regelklassen nicht ausgebildet. Stattdessen sinkt die Qualität des Unterrichts.

Marion Dzikowski, Leiterin des Kommunalservice, musste einräumen, dass von den Schülerzahlen her keine Entlastung der Schule erfolgt. Sowieso spräche das Bildungsministerium von einer angestrebten Anzahl von 25 Schülern pro Regelklasse. Eine der wenigen validen Studien zur Inklusion fordert nicht mehr als zehn Schüler je Klasse, bei der ständigen Anwesenheit von zwei Lehrern. Auch macht sie zur Bedingung, dass eine ganztägige Strukturierung der Betreuung erfolgen müsse. Hier liegt das nächste Problem. Über die Kompetenz der Hortleiterin Schunke macht sich niemand mehr Illusionen, der Hort Waldgeister wird nach Aussage von Dzikowski seit drei Jahren mit einer Ausnahmegenehmigung betrieben, er ist überbelegt und ständig verlaust. Zudem werden die Schüler nur umverteilt. Die Astrid-Lindgren-Schule rechnet mit 30 Schulanfängern je Klasse.

Der Schulträger hätte also dem neuen Schulprogramm der Wilhelm-Busch-Schule von Amts wegen nicht zustimmen dürfen. Dzikowski machte geltend, dass die Teilnahme am „Modellversuch Inklusion“ auf Initiative der Schulleiterin zustande gekommen wäre. Hier sind Zweifel angebracht, da auch im Kita- und Hortbereich die Gemeinde durch ideologisch motivierte Bildungsverhinderung aufgefallen ist.

Unterbrochen wurde Magnus Muschiol durch Gregor Schiller (SPD). Er interessiere sich nicht für die Begründung der Anfrage. Schiller hätte aber lieber genau zuhören sollen. Immerhin ging es um Bildung. Etwas, was er gebrauchen könnte – zusammen mit ein paar Umgangsformen.

Nachtrag:

Der Ausschuss für Bildung, Jugend und Sport am 25. 3. kam nicht auf die Idee, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Stattdessen bot er einen interessanten Einblick in die Effizienz der Gemeindeverwaltung und Kompetenz der Ausschussvorsitzenden Katja Grassmann (Bildung, SPD) und Regina Bomke (Finanzen, CDU). Einem Sportverein, fairerweise bleibt er hier ungenannt, wurden Fördermittel verweigert, wegen Fristüberschreitung des Antrags.

Da dieser Verein aber eine gemeinnützige ehrenamtliche Arbeit im Interesse der Gemeinde leistet, wurde darüber diskutiert, ob nicht doch eine Ausnahme gemacht werden könne.

Hier hätte ein lapidarer Hinweis auf das Verwaltungsverfahrensgesetz genügt, das bei solchen Entscheidungen den Sachbearbeitern Ermessensspielraum einräumt. Offenbar ist aber selbständiges Denken und Handeln den Angestellten der Gemeinde verboten. Die beiden Berufsmuttis Grassmann und Bomke stritten über die Verfristung ca. 45 Minuten. Bomke faselte eine geschlagene Viertelstunde, dass sie befürchte, einen Präzedenzfall zu schaffen.

Verständlich, dass da für wirkliche Probleme keine Zeit mehr blieb.

Links:

http://www.pnn.de/brandenburg-berlin/729279/

http://www.uniwuerzburg.de/fileadmin/06040400/downloads/Forschung/Zusammenfassung_Forschungsprojekt_schulische_Inklusion.pdf

Print Friendly, PDF & Email

Tags: , ,

2 Responses to Versagen des Schulträgers oder vorauseilender Gehorsam? Eine Anfrage zur Bildungspolitik in Blankenfelde-Mahlow

  1. Roeschen
    8. April 2014 at 15:44

    Obwohl bei uns bessere räumliche Voraussetzungen herrschen als an der Busch-Schule in Blankenfelde (wir haben einen Fahrstuhl, ein größeres Raumangebot und einen separaten Pausenhof für die jüngeren Schüler), waren viele Kollegen skeptisch, als unser Schulleiter uns erklärte, wir müssen Pilotschule für Inklusion werden. Sein Argument war, das komme sowieso, wenn wir die ersten sind, bekommen wir noch ein paar ausgebildete Sonderpädagogen ab.

    Den Ausschlag in der Schulkonferenz hat aber eine ganz überraschende Wendung gegeben: Gerade Kolleginnen, welche normalerweise gegen jede zusätzliche Aufgabe viele Argumente haben, hatten schnell begriffen, dass gesenkte Leistungsanforderungen für sie eine Reihe von Bequemlichkeiten boten. Das Resultat war ein mehrheitliches Votum für die Pilotschule.

    Heute ist der Lehrplan so verändert, dass die Klassen eins und zwei sich im Grunde genommen von denen sonderpädagogischer Einrichtungen nicht mehr unterscheiden. Die Primarstufenleiterin ist eine Sonderpädagogin, für die die Förderung leistunsstarker Schüler kein Thema ist.
    Die Inklusion, gemeinsam mit zusätzlichen Problemen wie Gewalt unter den Schülern, nicht besetzte Stellen (stellv: Schulleiter!), eine hohe Anzahl von Ausfall- und Vertretungsstunden haben im Kollegium vielfach zu Resignation, hohem Krankenstand und Alkoholismus geführt. Mir tut diese Schülergeneration leid. Wer es noch nicht gemerkt hat, ich habe von einer Schule in Großbeeren gesprochen.

  2. maria
    8. April 2014 at 16:49

    Die Gemeindevertretung musste sich mit Bildung befassen. O kniet mit mir, dies seltene Glück zu preisen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.