Ortwin Baier – oder: Allen ist das Denken erlaubt, vielen bleibt es erspart (Goethe)

17. Januar 2015
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„Kümmern Sie sich mal um die Kultur und wir kümmern uns um die Politik“, beschied Bürgermeister Baier, dem inzwischen verstorbenen Bernd Heimberger, nach dessen Worten, schon zu einem Zeitpunkt, als Baier das Projekt Rathausneubau noch nicht um die Ohren geflogen ist. Viele werden sich erinnern, ob im Rahmen seins Wirkens als Schriftsteller/Publizist, als Vorsitzender des Kulturvereins oder im Zusammenhang mit seinen Redebeiträgen als Vorsitzender der Fraktion BürgerBündnis im Gemeindeparlamant – je mehr ein Bernd Heimberger bei sich war, um so mehr waren Baier &. Co. ausser sich.
Verständlich vor diesem Hintergrund, wenn ein, sich von anders Denkenden bedrängt fühlender Bürgermeister – sie regelrecht herbei sehnt, die „klare Trennung von Politik und Kultur“.

Hier die Politik, da die Kultur! Klare Fronten und ein klares Feindbild – wenn man weiß, wo das Böse sitzt, hat der Arbeitstag Struktur. Denn Bernd Heimberger, Kulturverein, BürgerBündnis, Bürgerfraktionen plus kritische Bürger – das ist sie zweifelsfrei, die Blase des Bösen, die ihn permanent mit Anträgen/Fragen belästigte und sein Geschwätz von „normalem Vorgang, bestimmten  Spielregeln“ regelmäßig hinterfragte. klaerwerk-Leser wissen, mit welch unappetitlichen Ergebnissen.
„Ich ahne, wovon ich spreche, meine Damen und Herren,“ sagte Angela Merkel 2007 auf einer Rede anläßlich des Steinkohle-Tages. Pech dagegen für die Gemeinde Blankenfelde-Mahlow, dass der Verstand ihres Bürgermeisters allzu häufig nicht vom Hauch einer Ahnung getrübt ist. So er öffentlich den Mund auf tut. Eine aktuelle Kostprobe gab er erst kürzlich wieder, als er in der Maz (7. Januar 2015) erklärte:  Der Nachfolger von Bernd Heimberger,

Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß? Oder sollte man als Einwohner dieser Großgemeinde eher dankbar sein? Dankbar für eine solche Offenbarung Baiers, wird doch auch hier die geistige Armseligkeit des Bürgermeisters schon fast mit Händen greifbar.
Baier und Morsbach, ein Dream-Team, wie es aussieht. Doch, wo verläuft sie denn nun, die imaginäre, die illusionäre – pardon, die „klare Grenze“ zwischen Politik und Kultur? Wer bitte sollte dies besser beurteilen können, als   d i e s e   beiden, herausragenden Spitzenkräfte aus Politik und Kultur des christlichen Abendlandes?

Arno Gruen in „Der Wahnsinn der Normalität – Realismus als Krankheit“ (dtv, 1989):
„Es mag auffallen, dass ich sehr oft auf die Literatur zurückgreife. Literatur und Dichtung sind meines Erachtens näher an der menschlichen Realitätals als etwa die psychologische Forschung. Diese orientiert sich viel zu stark am Mythos der `Realität` und den daraus resultierenden Machtstrukturen. Der Künstler aber hat sich den Zugang zu den menschlichen Bedürfnissen und Beweggründen bewahrt. Ein Schriftsteller schreibt nicht zuletzt deshalb, weil er mit seiner schöpferischen Kraft gegen den Betrug der ´herrschenden Meinung´ ankämpfen will. Er spricht noch in einer Sprache, die von der Ganzheit menschlicher Erfahrung weiß.
Die Wissenschaft dagegen versucht, (…) die menschliche Perspektive aus unserem Weltbild zu entfernen, um uns in die Absurdität zu führen. Scheinlogische Manöver (…), die Logik der Aufteilung menschlichen Seins in Kategorein und Fächer dienen nur dazu, unsere Zweifel an unser Ganzheit zu verstärken und uns unsicher zu machen. Unsere Ganzheit aber gründet auf dem, was unser Gefühl und unser Herz sagen.“

Verständlich andererseits, dass Künstler und Publiszisten zu allen Zeiten nicht unbedingt erpicht darauf waren, sich in den Niederungen des Alltags zu tummeln. Lieber schauten/schauen  sie zu, dass ihr Elfenbeiturm hoch genug ist, damit sie da oben keine Spritzer vom dem Schmutz und dem Sumpf abbekommen, in dem Politikanten aller Coleur „da unten“ waten. Frei nach dem Motto von Albert Camus: „Um glücklich zu sein, darf man sich nicht allzu sehr mit den Mitmenschen beschäftigen.“
Dummerweise gab es zu allen Zeiten „Unfälle“ in Sachen „klarer Abgrenzung von Politik und Kultur“. Nicht nur einen Victor Hugo, der nie aufgehört hat, gegen den Absolutismus von Napoleon III. zu polemisieren. Einen Emile Zola, der in der Affäre Dreyfus mit dem Präsidenten der Republik Klartext redete – oder einen Tolstoi, der gegen die Autoritä des Zaren und der Kirche auftrat. Wer auch immer – alle von ihnen haben sich nicht vornehmlich als Schriftsteller oder Publizisten verstanden sondern in erster Linie als Menschen, die aufstehen, um zu sagen, wer die Halunken sind.
Der 2008 in Nürnberg verstorbene Tschingis Aitmatov, übrigens, war als Schriftsteller auch Mitglied im Präsidialrat Michail Gorbatschows. In seinem Dialog mit dem Buddhisten Daisaku Ikeda („Begegnung am Fudschijama“) gibt es aufschlussreiche Passagen zur sozialen Verantwortung der Literaten, wie auch zu seinen Gesprächen mit Gorbatschow in bewegten sowjet-russischen Umbruchzeiten.

Was den Fall Helmut Morsbach anbelangt, so haben die meisten Mitglieder des Kulturvereins dem Vernehmen nach erst aus besagtem Presseartikel erfahren, dass er auch versucht haben soll, Mitglieder aus dem Kulturverein für seinen zweiten Kulturverein abzuwerben – abzuwerben also in eben jenen Verein, für dessen Gründung sie ihn gerade gefeuert haben. ABWERBUNG – etwa als Bestandteil seiner „Pläne zur Modernisierung“ des Kulturvereins?  Ein weiterer, unerhörter – in der Geschichte des Kulturvereins noch nie da gewesener – Verstoß gegen dessen Interessen. Und ein weiterer Grund, sollte sich dies bewahrheiten, ihn nunmehr auch als Mitglied des Kulturvereins den Stuhl vor die Tür zu setzen. Auch damit wird er leben müssen, aber es wird ihm nicht schwer fallen als guter Christ. Hinsichtlich seiner Auslegung des kürzlichen Rauswurfs aus dem Vorstand des Kulturvereins bleibt zu hoffen, dass die  Maz-Leser unterscheiden können zwischen Erklärung und Rechtfertigung.

Auch von einem Baier in seiner flachen Geistesverfassung sind keine Impulse für die nach wie vor festgefahrene Situation dieser Großgemeinde zu erwarten. Er wird und kann hier nichts ins Fließen bringen, denn Dummheit ist die Mutter jeder Tragödie. Deshalb ist es nur folgerichtig, wenn er und seine Schleppenträger heute da stehen, wo sie stehen.  Recht hat er, Peer Steinbrück (SPD), Exgenosse des inzwischen parteilosen Bürgermeisters: „Die Treppe muss von oben nach unten gekehrt werden.“ Das gemeinsame Ziel jedoch- jenseits eines, von Baier – dem politisch Verantwortlichen für die Rathaus-Pleite –  herbei halluzinierten Neuanfangs (Kommunalwahl 2014), könnte sein: Reflexion statt Reflex. Könnte sein, verursachungsgerechte Verantwortlichkeit für alle Beteiligten am Rathaus-Desaster. Und nicht das gedankenlose bzw. interessen-gelenkte „Zerschneiden“ der Wirklichkeit in Kategorien wie „Politik“, „Kultur“ etc. Die schwarz-weiß-Raster eines Bürgermeister Baier sind symptomatisch, sie werden diese Gemeinde nur in neue Desaster, nicht aber zu neuen Ufern führen.

Peter Hubral, übrigens, bezeichnet die Mathematik, wie jede andere hypothesenbasierte Disziplin als Glaubenslehre. Sie ist nur beweisbar im Rahmen ihrer eigenen Annahmen. (I – TV 56) Denn in der Natur ist 1+1 nicht 2. In der Natur gibt es keine zwei Dinge, die miteinander identisch sind. Wer sagt uns also, dass Null plus Null im wirklichen Leben tatsächlich Null ist? Der polnische Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec jedenfalls, der weder den Bürgermeister von Blankenfelde-Mahlow noch dessen Baudezernenten oder die einschlägigen Gemeindevertreter (SPD/Grüne, CDU, Linke) kannte, gab schon vor Jahrzehnten zu Protokoll: „Ich stimme mit der Mathematik nicht überein. Ich meine, dass die Summe von Nullen eine gefährliche Zahl ist.“ („Unfrisierte Gedanken“, Verl. Volk und Welt, 1978)

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One Response to Ortwin Baier – oder: Allen ist das Denken erlaubt, vielen bleibt es erspart (Goethe)

  1. Magnus Muschiol
    1. Februar 2015 at 14:33

    Eines kann man Ortwin Baier nun wirklich nicht vorwerfen: dass er nicht sagt, wessen Geistes Kind er ist. Mit seiner Aussage; “Kümmern Sie sich mal um die Kultur und wir kümmern uns um die Politik”, offenbarte er allen, dass Dummdreistigkeit und Bildungsferne sein Credo sind. Vielleicht hat er in seinem armseligen Gefangenenaufseherdeutsch bei dem Begriff Kulturpolitik einfach eine Leerstelle.

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