Engagierte Literatur: Der neue „Dengler“ – Anatomie eines Staatsverbrechens

27. November 2015
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Krimi-Leser kennen Wolfgang Schorlau längst, er verarbeitet in seinen Romanen gerne reale Ereignisse der neueren deutschen Geschichte. Dieses Mal läßt er seine Romanfigur, den ehemaliger BKA-Zielfahnder Georg Dengler, als Privatermittler (z. B. „Die blaue Liste“) tief in den NSU-Komplex und das Netzwerk von Staatsschützern und Neofaschisten eintauchen. Der eine oder andere Leser dürfte erneut um ein paar Illusionen ärmer sein nach der Lektüre. Erstmals, so Schorlau, hätte er mit einem professionellen Rechercheur zusammengearbeitet, außerdem sei er von vielen „tollen Polizisten“  unterstützt worden. Das Fazit von Ingrid Müller-Manch (WDR5): „Ist an dem Ergebnis dieser Recherche, die Dengler alias Schorlau vornehmen, auch nur ein Quentchen Wahrheit, … dann wird einem Angst und Bange um dieses Land. Vieles spricht dafür. Denn Schorlaus Recherchen sind eigentlich nichts anderes als endlich mal ein genauer, ein ungetrübter Blick, ein zusammenhängender Blick auf das, was zum Tod dieser beiden Schwerverbrecher führte.“

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Was ist ein Staatsverbrechen?

Wer erschoss Mundlos und Böhnhardt?

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Buchtitel: „Die schützende Hand-Deglers achter Fall“, Verlag: Kiepenheuer & Witsch, 14,99 €

Autor: Wolfgang Pfeiffer

Verblüffung zuerst: für die allwissende Internet-Enzyklopädie „WIKIPEDIA“ existiert ein Stichwort: „Staatsverbrechen“ nicht. Vielleicht wartet man ja noch auf den Ausgang des NSU-Prozess, um in deren Ergebnis das Stichwort neu zu definieren.

Der Krimi-Autor Wolfgang Schorlau hat zu Recht nicht darauf gewartet. Sein Buch „Die schützende Hand – Denglers achter Fall“ serviert dem Leser jedenfalls – vermittelt durch den Erzählstrang rund um den Privatermittler Georg Dengler – alle Zutaten zu einem Kriminalfall, der die Bezeichnung „Staatsverbrechen“ verdient.

Die schlichte Frage „Wer erschoss Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt?“, mit der ein anonymer Auftraggeber Dengler in die Spur setzt, verbunden mit einer saftigen Geldspritze für den ewig klammen ehemaligen BKA-Zielfahnder, erweist sich als so explosiv, dass sich für Dengler selbst bald eine Frage auf Leben und Tod stellt …

Schorlau gibt Dengler und dem Leser nach und nach alle mittlerweile öffentlich zugänglichen Fakten und Lügen rund um den „NSU-Komplex“ an die Hand. Über 70 Anmerkungen, teils Dokumente, teils Zeitungsartikel und Tatort-Fotos,
belegen, dass bei der „Aufklärung“ der vorgeblichen Selbsttötungen der Rechtsterroristen Mundlos und Böhnhardt seitens der Ermittlungsbehörden geschlammt, gelogen und vertuscht wurde, dass sich die Balken biegen. Dazu
passt gut die neueste mdr-Meldung, dass – nach sechs Jahren – im Rahmen einer „diskreten Durchsuchung befasster Dienststellen“ – plötzlich die verloren geglaubten Originalfotos vom Tatort wieder aufgetaucht sind, samt umfangreichen Aktenmaterials.

Und schon sind wir mittendrin in der aktuellen Debatte über „Verschwörungstheorien“. Der geneigte Leser, zu Beginn genauso naiv oder skeptisch wie Dengler, wird von Seite zu Seite in ein kriminelles Konstrukt von so unglaublichem Ausmass hineingezogen, dass ihm zunächst nur die Charakterisierung „Fiktion“ einfällt. Wenn da nicht die Belege wären, die fast wissenschaftlich exakt den Anmerkungsapparat füllen.

Schorlau stellt sich dramaturgisch mit seinen Krimis in der Tradition von F. Forsyth (z. B. „Der Schakal“, „Die Akte Odessa“, „Die Todesliste“) oder auch von John Le Carré (z.B. „Das Russlandhaus“). Die Verbindung von realen (politischen) Verhältnissen mit fiktiven Romanfiguren gelingt ihm sprachlich allerdings nicht so brillant. Trotzdem nimmt die Handlung schon durch die Einführung der unumstösslichen Fakten in die Romanhandlung nach etwas zähem Anlauf ständig Fahrt auf. Dengler und mit ihm sein fiktiver Unterstützerkreis wird schliesslich vom Jäger zum Gejagten.

Fazit: Wolfgang Schorlau fasst auf unterhaltende (?) Art eine Frage zusammen, die schon der letzte Satz in dem Buch „Heimatschutz – Der Staat und die Mordserie des NSU“ (2014 erschienen im Pantheon Verlag) von Stefan Aust und Dirk Laabs nahelegt: „Mit jeder weiteren vernichteten Akte, mit jeder nicht beantworteten Frage, mit jeder neuen Lüge verstrickt sich das Bundesamt für Verfassungsschutz nun weiter in einen Kampf, den es vor über 20 Jahren begonnen hatte – und der Satz des Geheimdienstkoordinators und ehemaligen Vizepräsidenten des BfV Klaus-Dieter Fritsche vor dem NSU-Ausschuss, hallt mit jedem Tag lauter, schriller, aber auch klarer nach: „Es dürfen keine Staatsgeheimnisse bekannt werden, die ein Regierungshandeln unterminieren.““ – Die Frage lautet: wie weit ist der Schritt vom Staatsgeheimnis zum Staatsverbrechen bereits gegangen?

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